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Brachter Mühle - Familienleben zwischen Mehlstaub und Baustoffen

Bevor Johann Albert Oude Hengel die Brachter Mühle 1903 kaufte, hatte es schon so manch einen Besitzer gesehen. Die 1855 von Johann Erckens und Josef Thoer errichtete Mühle wurde zunächst von seinen Erbauern selbst bewirtschaftet. Ab 1875 wurde sie verpachtet und letztendlich 1893 von Peter Hiep für seinen Sohn Theo gekauft.

Ein Müllerknecht aus den Niederlanden

Der spätere Besitzer Johann Oude Hengel, ein Müllerknecht aus den Niederlanden, interessierte sich schon früh für Mühlen. Als Jugendlicher zog er auf Wanderschaft, um als Geselle das Mühlenhandwerk auf verschiedenen Mühlen zu erlernen.

Um 1899 kam er nach Bracht und fand dort eine Anstellung als Knecht des damaligen Besitzers Theo Hiep. Der Müller hatte kein wirtschaftliches Geschick und verfolgte die Geschäfte nicht mit dem nötigen Ehrgeiz. Im Jahr 1902 gab Johann Oude Hengel ein Kaufgebot ab, dieses wurde abgelehnt.

Nachdem Peter Hiep, der eigentliche Besitzer der Mühle, das Angebot abgelehnte hatte, zog Oude Hengel nach Sterkrade und übernahm noch 1902 als Pächter eine Mühle in Bentheim. Im gleichen Jahr heiratete er die Schwester des Brachter Müllers, Johanna, die er während seiner dortigen Anstellung kennengelernt hatte.

In Bentheim wurde 1903 die erste gemeinsame Tochter, Johanna, geboren. Ihr sollten noch zehn weitere Kinder (zwischen 1903 und 1921, sechs Mädchen und fünf Jungen) folgen. Zur gleichen Zeit geriet die Brachter Mühle in Konkurs und wurde am 6. Juni 1903 versteigert.

 

Rückkehr nach Bracht

Johann Oude Hengel, der der Versteigerung aus Neugier beiwohnte, wurde von einem alten Brachter Bekannten dazu ermutigt, die Mühle zu ersteigern. Er bekam den Zuschlag und übernahm die Geschäfte der Mühle. Die gepachtete Mühle in Bentheim wurde von seinen Brüdern übernommen.

Das Müllerehepaar führte die Mühle wieder zum Erfolg und lenkte die Geschicke bis 1941. Die mit Holzflügeln versehene Mühle erhielt 1907 einen neuen, eisernen Flügel, nachdem der altersschwache Flügel ersetzt werden musste. Im Jahre 1925 wurde das Mahlen komplett auf Elektrobetrieb umgestellt.

Das Familienleben mit elf Kindern

Das Familienleben wurde, vor allem vor dem 2. Weltkrieg, vom Mühlenbetrieb bestimmt. Die Familie war nicht reich, aber es reichte stets für ordentliche Kleidung und Essen. Viele Lebensmittel wurden für den Eigenbedarf produziert. Johann Oude Hengels Leidenschaft war die Imkerei, sodass beispielsweise für Honig im Haushalt gesorgt war. Das Gemüse wurde teils selbst angebaut und das Obst aus dem eigenen Obstgarten wurde eingeweckt. Für den eigenen Milchbedarf hielt die Familie eine Kuh. Auch das Schlachten des Hausschweins wurde selbst übernommen, wobei allerdings der Hausherr regelmäßig fehlte, da er – laut seiner Kinder – kein Blut sehen konnte. An der Mühle herrschte stets Trubel. Die Freunde der elf Kinder gingen ein und aus und genossen die Gastfreundschaft der Familie.

Der Baustoffhandel

Bevor sich Johann Oude Hengel zur Ruhe setzte, übergab er seinem zweitältesten Sohn Josef die Geschäfte. Dieser baute den Baustoffhandel, den die Familie lange Zeit neben der Müllerei geführt hatte, aus. 1970 wurde der Mühlenbetrieb eingestellt und der Baustoffhandel wurde der alleinige Broterwerb der Familie. Da das Geschäft wuchs, zog der Baustoffhandel in ein größeres Gebäude nach Brüggen – auf dem Mühlengelände wurde nur noch das Wohnhaus von der Familie bewohnt.

Im Jahr 2002 erwarb die Gemeinde Brüggen das Grundstück mit Wohnhaus, Mühle und Nebengebäude, renovierte es und baute das Gebäude zu einem Mühlen- und Heimatmuseum um.

Bracht 2016
Pia Terstappen

Bildnachweise und Erläuterungen

Abbildung 1: Die Brachter Mühle Anfang des 20. Jahrhunderts. Bildnachweis: Privatbesitz Familie Terstappen

Abbildung 2: Das Müllerehepaar mit ihren elf Kindern in den 1920er Jahren. Bildnachweis: Privatbesitz Familie Terstappen

Abbildungen 3 und 4: Schon zu Zeiten Johann Oude Hengels etablierte sich neben der Müllerei ein Baustoffhandel, der stetig wuchs. Bildnachweis: Privatbesitz Familie Nieskens