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Haus Bonschen und die Zigarrenmanufaktur Halberkamp

Die Bonschens sind bereits im 17. Jahrhundert in Bracht nachgewiesen. Auf einer Handzeichnung mit Brachter Gebäuden und Hausnummern aus dem Jahr 1823, die der damalige Bürgermeister Delhees aus Kaldenkirchen für Bracht anfertigen ließ, ist an diesem Gebäudestandort Heinrich Bonschen als Eigentümer verzeichnet. Es mag sich dabei um den am 14. Januar 1790 geborenen Peter Heinrich Bonschen gehandelt haben, der 24 Jahre später, am 09. April 1814 Anna Sibylla Scholl in Bracht heiratete. Sie waren die Ururgroßeltern von Mechthilde Winkens, geb. Bonschen, die am 05. Februar 1925 geboren wurde. Sie ist die letzte Nachfahrin der Bonschens, die noch an diesem Standort gelebt hat.

Im Jahr 1823 blickten Heinrich und Anna Bonschen zur Linken auf das Haus ihres Nachbarn Christian Heesen, schräg gegenüber lebten die Erben von Doktor Heesen, und genau gegenüber befand sich das Haus von Johann Heinrich Optenplatz. Wenn die beiden in Richtung des heutigen Weizer Platzes gingen, werden sie auf den groß angelegten Baum- und Nutzgarten des Peter Mathias Erckens geblickt haben, der sich bis zum Wassergraben, etwa auf Höhe des heutigen Südwalls erstreckte. Sie pumpten das Grundwasser aus einem gemauerten Brunnen hinter dem Wohnhaus aus der Erde, benutzten es zum Kochen und Waschen und heizten mit Holz und anderen Brennstoffen. Die Beleuchtung im Haus dürfte spärlich gewesen sein, denn der elektrische Strom kam erst 100 Jahre später nach Bracht und längst nicht in alle Haushalte.

Einer ihrer Enkel wurde am 20. Oktober 1852 in Bracht geboren und auf die Namen Peter Johann Heinrich Bonschen getauft. Heinrich war der Großvater der inzwischen 91jährigen Mechthilde Winkens, geb. Bonschen. Er heiratete kurz vor seinem 28. Geburtstag Maria Sibylla Gerhards aus Born, die nur wenige Wochen nach der Geburt des Sohnes Wilhelm im Jahr 1885 im Kindbett verstarb. Der Großvater heiratete erst 20 Jahre später ein zweites Mal. Mechthilde erinnert sich, dass Großvater Heinrich immer eine Schubkarre vor sich her zur Arbeit geschoben habe. Man erzählt sich im Dorf, er sei so klein gewesen, dass ihn seine spätere Schwiegertochter Maria, die Mutter von Mechthilde, zum Spaß wie ein Baby auf den Armen getragen habe.

Ein halbes Haus wird verkauft

Der verwitwete Großvater Heinrich bewohnte mit seiner zweiten Frau Christine Nothen ab dem Jahr der Hochzeit 1905 das gesamte Anwesen an diesem Standort. Christine verstarb im Jahr 1929. Der Sohn Wilhelm aus erster Ehe, Mechthildes Vater, zog nun mit seiner inzwischen gegründeten Familie wieder in sein Elternhaus, in dem Großvater Heinrich alleine zurückgeblieben war. Im Jahr 1922 hatte Wilhelm die Maria Hutmacher aus dem entfernten Dorsten kennengelernt und in Bracht geheiratet. Die Industrialisierungswelle in Europa hatte auch hier viele Arbeitsplätze geschaffen. Maria arbeitete als Köchin im damaligen Hotel König in der heutigen Marktstraße 2. Der damalige Besitzer Josef König stammte ebenfalls aus Dorsten. Wilhelm fand Arbeit als Dachziegelbrenner bei der Firma Laumanns in Brüggen. Mechthilde erinnert sich, dass ihr Vater bis zu seinem 75. Lebensjahr mit dem Fahrrad nach Brüggen zur Arbeit gefahren sei. Im Jahr 1905 wurde in Bracht 15 Jahre nach Entstehung der christlichen Gewerkschaften endlich der christliche Gewerkverein gegründet, dem 250 Arbeiter beitraten. Zuvor hatten mehrere Einschüchterungsversuche durch einige Ziegeleibesitzer stattgefunden, die den Arbeitern mit Kündigung gedroht hatten, sollten sie sich der christlichen Gewerkschaft anschliessen. Der Verein verstand sich als „Vereinigung der Ziegelmeister und Ziegler Deutschlands zur Hebung der wirtschaftlichen Lage des Zieglerstandes auf christlich-patriotischer Grundlage“. Ob Wilhelm Bonschen und sein Vater Heinrich dem Verein beitraten, ist nicht bekannt. Wilhelm Bonschen verstarb an Heiligabend im Jahr 1966 im Alter von 81 Jahren. Maria Bonschen, geborene Hutmacher, wurde 85 Jahre alt. Das Bonschenhaus wies bereits um 1900 beträchtliche Schäden an der Substanz des Mauerwerks auf. Durch den Tod der ersten Ehefrau wird der Großvater jedoch kaum die Mittel gehabt haben, diese zu beheben.

Seitlich am Haus pflanzte die Familie Obst und Gemüse an, hinter dem Gebäude befanden sich eine kleine Scheune und ein Hühnerstall. Als einer der Inhaber einer kleinen Brachter Zigarrenmanufaktur, Theodor Halberkamp, nach einem neuen Standort für sein Gewerbe suchte, verkaufte ihm Heinrich Bonschen die Hälfte seines Hauses mitsamt dem Nutzgarten, dem halben Innenhof und der hinter dem Haus gelegenen Hälfte des Nebengebäudes. Er selbst blieb mit der Familie seines Sohnes in der anderen Hälfte wohnen und benutzte fortan den alten seitlichen Eingang, wie auf Abbildung 3 zu sehen. Das gesamte Anwesen erlebte nach dem Verkauf der Gartenseite durchgreifende Veränderungen. Im Innern der gartenseitigen Hälfte sind jedoch noch einige ursprüngliche Details erhalten.

Der Haupteingang direkt an der Hellstraße wurde zugemauert und der neue Eingang für Familie Halberkamp an die Gartenseite verlegt. Das gesamte Gebäude wurde um ein volles Stockwerk aufgemauert, was gut an der Gartenseite zu erkennen ist. Im unteren Bereich und am rückwärtigen Giebel blieben die jahrhundertealten Feldbrandsteine als ursprüngliche Gebäudehülle sichtbar. Darüber sind die Baustoffe aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sehen.

Vor das giebelständige Haus setzten die beiden Bauherren Bonschen und Halberkamp eine komplett neue gemauerte Fassade aus Backstein. Familie Bonschen hatte nicht mehr die wirtschaftlichen Mittel, auf ihre neu aufgestockte linke Hälfte einen Dachstuhl mit Dacheindeckung zu setzen. Deshalb blieb diese Hälfte bis um das Jahr 2000 ohne Dach. Die Decke der oberen Räume war lediglich mit Lagen aus Teerpappe abgedichtet. Das genaue Datum des groß angelegten Umbaus ist nicht bekannt. Es kann aber durch Fotografien der Familie auf den Zeitraum zwischen dem Todesjahr 1946 von Großvater Heinrich und 1948 datiert werden.

Zigarrenmanufaktur Theo und Gretchen Halberkamp

Als Familienbetrieb existierte die kleine Zigarrenmanufaktur Halberkamp bereits vor 1944 auf der Stiegstraße in Bracht. Mit dem Jahr zog Theodor Halberkamp mit seiner Frau Margarethe in dieses Gebäude auf der Hellstraße. In dem Raum im 1. Obergeschoss standen große Holztische, auf denen die getrockneten, zusammengerollten Tabakblätter in spezielle Holzformen gepreßt wurden.

Theodor Halberkamp bezog seine Zigarrenformen von der 1849 gegründeten Firma Osenbruck in Schwetzingen. Er beschäftigte zeitweise fünf Angestellte. Es waren die Herren Backes, Leven, Thoneik, Kriegers und Frau Dreesen. Er selbst und seine Frau arbeiteten mit. Im Jahr 1947 inserierte er in dem damaligen Branchen Adreßbuch für den Handelskammerbezirk Mönchengladbach mit seiner Zigarrenfabrik. Die Erträge schwankten zwischen 1948 und 1955 zwischen 450 DM (Deutsche Mark, offizielles Zahlungsmittel der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1948 und 2001) und 8.700 DM im Jahr. Ab dem Jahr 1956 werden keine Erträge mehr verzeichnet. Bei den im Zeitraum von 1948 bis 1960 tätigen Zigarrenherstellern in Bracht handelte es sich um kleine Familienbetriebe. Dazu zählten der hier vorgestellte Theodor Halberkamp, Jacobs & Stickelbrock, Heinrich Jacobs, Jacobs & Houben, Leo Lackmanns OHG, Karl Leewen und Johann Vossen. Ab 1953 kam Wilhelm Stoffers hinzu, andere hatten bereits wieder aufgegeben. Die Zigarrenherstellung nach dem Zweiten Weltkrieg blieb in Bracht ein schwieriger Gewerbezweig. Zum einen mangelte es während der ersten Nachkriegsjahre durch eingeschränkte Transportwege am Rohstoff Rohtabak, zum anderen fehlte den kleinen Betrieben die finanzielle Ausstattung, um in Maschinen zu investieren. Das arbeitsintensive Gewerbe bekam zusätzlich Konkurrenz durch die Zigarette. Lediglich der 1919 gegründete Zigarrenbetrieb von Peter Schrömbges beschäftigte 1950 90 Männer und Frauen. Doch auch hier fehlte die Ausstattung mit modernen Maschinen, und das neu erreichtete Fabrikgebäude wurde im Jahr 1957 zwangsversteigert.

Im Zuge der Industrialisierung in Deutschland im 19. Jahrhundert bildeten sich auch in der Tabak- und Zigarrenindustrie um 1900 gewerkschaftliche und genossenschaftliche Strukturen heraus. Am 19. November 1899 fand in Kempen die erste Konferenz der Tabak- und Zigarrenarbeiter mit Vertretern aus Kaldenkirchen, Geldern, Goch und Dülken statt. Dort wurde die Gründung der christlichen Tabak- und Zigarrenarbeiter Gewerkschaft beschlossen. Dem widersetzten sich die ebenfalls organisierten Zigarrenfabrikanten vehement. Im Jahr 1901 kündigte die Firma Nehr in Kaldenkirchen allen ihren 168 gewerkschaftlich organisierten Arbeitern. Sie wurden ausgesperrt. Nur 30 nicht organisierte Kräfte durften die Arbeit aufnehmen. Die Ausgesperrten erhielten breite Unterstützung von den Vertretern der christlichen Kirchen und den Geschäftsleuten in Kaldenkirchen. Letztere räumten den streikenden Arbeitern und ihren Familien Preisreduzierungen auf ihre Waren ein.

Bracht 2016
Anna Freier

Quellennachweis:

Interview mit Mechthilde Winkens, geborene Bonschen, 18.07.2016 und Familienfotos der Familie Bonschen; Interview mit Josefine Halberkamp, 01.08.2016; Studien zur Genealogie/Familienforschung des verstorbenen Heimatforschers Hans Wolters, Bracht, für den Bruder von Mechthilde Winkens, Heinz Bonschen, Bracht (gest. 2008) und Ergänzungen aus den Studien von Dr. Karl Thoer; Boisheim; Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, Nr. 1996, Blatt 4-5, 25-26; Bracht Geschichte einer niederrheinischen Gemeinde von der Frühzeit bis zur Gegenwart, hrsg. Ina Germes-Dohmen, Brüggen 2015, Seite 259f; Seite 433f; Paul Schrömbges: Der große Streik in Kaldenkirchen 1901, in: Heimatbuch des Kreises Viersen, (HBV), 43 (1992), S.96ff; ders.: Die Gründung des christlich-sozialen Tabak- und Zigarrenarbeiterverbandes Deutschland 1899, in: HBV, 41 (1990), Seite 130ff.

Bildnachweise und Erläuterungen:

Abbildung 1: Mechthilde Christine Josefine Winkens, geb. Bonschen wurde am 05. Februar 1925 in Bracht geboren und lebte bis zu ihrer Hochzeit im Jahr 1948 in diesem Haus, Aufnahme vor 1939. Bildnachweis: Mechthilde Winkens, Privatbesitz Hier einfügen:

Abbildung 1a: Mechthilde Bonschen begann ihre Schulzeit in Bracht unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Bildnachweis: Mechthilde Winkens, Privatbesitz

Abbildung 2: Die derzeitigen Besitzer fanden den Brunnen im Jahr 1998 unterhalb des Niveaus des Innenhofs. Er war mit einer Rundkuppel aus Ziegelsteinen fest verschlossen. Die Kuppel wurde abgetragen und der Brunnenschacht um sieben Reihen Steine aufgemauert und mit einem Gitter versehen. Der Brunnen hat einen Außendurchmesser von 1,90 Meter und führt Grundwasser in 8,5 Meter Tiefe. Der Fund wurde dem Rheinischen Amt für Denkmalpflege, Außenstelle Xanten, gemeldet. Bildnachweis: Freier, Privatbesitz

Abbildung 3: Peter Johann Heinrich Bonschen mit seiner zweiten Frau Christine Nothen. Heinrich trägt eine Kappe, wie sie Arbeiter bei der Eisenbahn trugen. Er ging in Holzschuhen. Im Vordergrund ist auf der Hellstraße noch der alte Straßenbelag aus Katzenkopfpflaster zu sehen. Die runden Findlinge stammten aus Feldern und Flussbetten. Der Straßenbelag wurde im Jahr 1906 ausgebrochen und die Straßen in Bracht mit Grauwacke gepflastert. Dieser Naturstein wich schließlich einfachem Betonpflaster. Bildnachweis: Mechthilde Winkens, geb. Bonschen, Aufnahme vor 1906, Privatbesitz

Abbildung 4: Rechts im Bild ist der Nutzgarten zu sehen. Der Haupteingang befand sich zur Hellstraße hin. Großvater Heinrich trägt seinen guten schwarzen Anzug mit Weste, Krawatte und quer geknöpfter Uhrkette. Bildnachweis: Mechthilde Winkens, geb. Bonschen, Aufnahme vor 1946, Privatbesitz

Abbildung 5 und 6: Einzelne ursprüngliche Bauteile wurden im Innern des Gebäudes an der Gartenseite erhalten, die Kellertüre mit Eisenbeschlag und Messinggriff und eine Seitentür mit einem Kastenschloß. Bildnachweis: Freier

Abbildung 7: Zeitreise am rückwärtigen Giebel. Bildnachweis: Freier

Abbildung 8: Das ursprüngliche Haus Bonschen nach dem Umbau. Zwei Familien, Bonschen und Halberkamp teilten sich das Anwesen bis 1994. Jede Hälfte erhielt eine eigene Hausnummer. Das fehlende Dach der Hälfte Bonschen ist auf der Aufnahme nicht zu sehen. Bildnachweis: Aufnahme um 1960, Privatarchiv Walter Feyen

Abbildung 9: Die Zigarrenmanufaktur Halberkamp benutzte diese Holzformen, um die gerollten Tabakblätter zu pressen. Bildnachweis: Fund in der rechten Haushälfte aus dem Jahr 1994, Privatbesitz Freier