Hellstraße 5 & 5a: „Ich habe noch nie so viele Männer weinen sehen“

Das gesamte Gebäude mit den derzeitigen Hausummern 5 und 5a wurde im Jahr 1769 errichtet. Auf einer Handzeichnung aus dem Jahr 1823, die sich im Gemeindearchiv Bracht befindet, ist an diesem Standort mit der damaligen Hausnummer 14 ein Gebäude mit einem Anbau eingezeichnet, das Johann Heinrich Opdenplatz bewohnte. Dieser hatte im Jahr 1829 die aus einer angesehenen Brachter Familie stammende Anna Maria Keysers geheiratet. Sie lebte bis zur Heirat auf dem Dreitseithof in der Königstraße, der sich bis zur Kirche in die Kirchgasse erstreckte. Darüber berichten die zwei Brachter Hausgeschichten Dreiseithofanlage und Missing wie Messing an den jeweiligen Standorten.

Die Gewölbekeller aus dem Baujahr sind noch vorhanden.

Wann das Gebäude mit dem Grundstück in den Besitz der Familie Janßen überging, die es bis in die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts bewohnte, ist unbekannt, es wird um die Zeit nach 1893 gewesen sein. Hier lebte zunächst Anton Janßen, dessen Frau bei der Geburt des dritten Kindes im Jahr 1910 verstarb. Der Besitz wurde vor seinem Todesjahr 1936 zwischen den Söhnen Wilhelm und Heinrich aufgeteilt, die je eine Hälfte mit ihren Familien bewohnten.

Orthopädischer Schuhmachermeisterbetrieb Janßen

Anton Janßen verdiente seinen Lebensunterhalt als Schuhmachermeister. Der im Jahr 1910 geborene Sohn Heinrich heiratete am 14. Oktober 1937 Anna Veuskens. Heinrich erlernte ebenfalls die Schuhmacherei, qualifizierte sich aber als orthopädischer Schuhmachermeister für Menschen, deren Füße Anomalien aufwiesen und auf Spezialschuhe angewiesen waren. Sein Kundenkreis reichte von Kleve bis Köln. Seine Frau Anna arbeitete im hinteren Anbau als Fußpflegerin. Hinter dem rechten Fenster neben der mittigen Haustür stellte Heinrich Janßen auf einfachen Holzbrettern die Modelle seiner orthopädischen Schuhe aus. Zu den Nachbarn bestand ein gutes Verhältnis. Heinrich Janßen kaufte gegenüber bei Familie Halberkamp seine Zigarren in einem Papiertütchen zu 5 Stück. Die Brachter Hausgeschichte Zigarrenmanufaktur Halberkamp berichtet darüber. Die Kinder aus der Nachbarschaft brachten Heinrich Janßen ihre Schreibwerkzeuge, Griffel aus Grafit, die er auf seiner Schleifmaschine anspitzte. Familie Halberkamp versteckte für alle Kinder zu Ostern die Ostereier.

Die Tätigkeit Heinrich Janßens fiel in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Sein 1938 geborener Sohn Franz sah Soldaten, die sich rechts und links auf einen Stock stützten und zum Tor auf der rechten Seite hereinhumpelten. Die Zehen und Teile des Vorfußes waren ihnen in den Feldzügen während der extremen Winter abgefroren. Er habe noch nie so viele Männer weinen sehen, erinnert sich der Sohn Franz. Heinrich Janßen paßte den Fußstümpfen dieser versehrten Männer orthopädische Schuhe an, in die er als Sohle eine feste Metallplatte einbaute. Die glich das Fehlen des Vorfußes aus. Die Soldaten seien ohne Stöcke zurück in ein neues Leben gegangen. Im Kriegsjahr 1943 kam es wiedeholt zu Fliegeralarmen. Anna Janßen, im achten Monat schwanger, floh vor den Bomben in den Gewölbekeller und stürzte die Treppe herunter. Sie überlebte, das Kind verstarb.

Die Brachter Schuhmachereien

Von 1948 bis 1958 geben die Gewerbesteuerlisten Auskunft über die Erträge der Schuhmachereien. In Bracht arbeiteten zu der Zeit acht selbständige Schuhmachermeister, deren Namen hier erinnert werden sollen: Heinrich Feikes, Heinrich Janßen, Wilhelm Kath, Heinrich Lehnen, Leo Lob, Hubert Schmitz, Albert Symons und die verwitwete Katharina Zoers, der die Brachter Hausgeschichte Zörs Trinchen gewidmet wurde. Keines der Geschäfts mit teils beträchtlichen Erträgen hat den Strukturwandel, der während der 80 Jahre des letzten Jahrhunderts einsetzte, überlebt. Heinrich Janßen gab seinen Schuhmachermeisterbetrieb im Jahr 1956 auf. Er unterrichtete seitdem an der Berufsschule in Amern und sollte ab 1965 die Meisterschule für orthopädische Schuhmacher in Düsseldorf leiten, doch dazu kam es nicht. Er verstarb im Jahr 1965 im Alter von 55 Jahren.

Veränderungen

Die Kinder von Heinrich und Anna Janßen schlugen andere Wege ein. Franz Jansen absolvierte dem Vater zuliebe zunächst eine orthopädische Schuhmacherausbildung, folgte dann aber seinen stark ausgeprägten kaufmännischen Interessen. Mit seiner Frau Christa baute er ab 1972 ein Fliesenfachgeschäft im Brachter Gewerbegebiet auf. Die 1946 geborene Johanna besuchte ab ihrem 10. Lebensjahr ein von Ordensschwestern geführtes Internat, legte ihr Abitur ab und zog zum Lehramtstudium nach Aachen. Sie wanderte mit ihrem Mann nach Chile aus. Dort war sie Mitbegründerin einer deutschen Schule.

Quellennachweis:

Interview im Jahr 2018 mit Hanna Jander, geb. Janßen, Chile und Bracht Interview mit Franz Janßen 25.11.2019, Bracht
Bracht 2020
Anna Freier

Bildnachweise und Erläuterungen:

Abbildung 1: Baujahrstypischer Gewölbekeller, der als Lagerraum genutzt wird, Foto: Freier

Abbildung 2: Aufnahme nach 1939 mit linksseitigem Anbau, die Statikelemente der Maueranker bezeichnen das Baujahr, Foto: Privatbesitz Hanna Jander, geb. Janßen

Abbildung 3: Aufnahme um 1900, der Staketenzaun links im Bild befand sich an der Stelle des heutigen Anbaus, Foto: Privatbesitz Hanna Jander, geb. Janßen

Abbildung 4: An der Stelle des linksseitigen Anbaus befand sich ein Garten, in dem Wilhelm Janßens Nachkommen heranwuchsen. Foto Privatbesitz Anstötz

Abbildung 5: Gärten umgaben die historischen Gebäude in der Hellstraße, Foto: Heimatsammlung Füsers