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Dreiseithof Johann Keysers, Hausnummer 58

Am 10. Dezember 1823 erging ein Schreiben des Brachter Bürgermeisters Delhees, der seinen Amtssitz in Kaldenkirchen hatte, an Leonard Teves, wohnhaft in der Hellstraße in Bracht, er solle 422 Hausnummern auf Platten anfertigen. Damit die nummerierten Platten an den richtigen Häusern angebracht werden konnten, wurde eine Handzeichnung des inneren Ortskerns angefertigt.

Etwa auf dem jetzigen Standort der Häuser Königstraße Nummer 23-27 ist mit der damaligen Hausnummer 58 eine Dreiseithofanlage eingezeichnet. Rechts neben dem Grundriss steht der Name des Besitzers, J. Keyers. Der weitläufige Gebäudekomplex erhielt die Hausnummer 58 auf einer Platte.

In seiner flächenmäßigen Ausdehnung entsprach die Hofanlage etwa der Grundfläche der katholischen Pfarrkirche in direkter Nachbarschaft. Die südliche Begrenzung des Hofes reichte von der Ecke der heutigen Königstraße bis unmittelbar vor die Kirche im Südosten und bildete die langgestreckte Front des Gebäudes. Nach Norden öffnete sich der Hof mit zwei kürzeren Seitenflügeln.

Der Zeichnung nach zu urteilen handelte es sich um den größten Hof innerhalb der Wälle, die Bracht umgaben. Schräg gegenüber befanden sich nach Süden hin auf der Westseite der heutigen Königstraße zwei weitere, kleinere Dreiseithöfe. Dreiseithöfe und Zweiseithöfe waren zu der Zeit in dieser Region vorherrschend. Sie waren Ausdruck der Intensivierung der Landwirtschaft im 19. Jahrhundert und variierten in Form, Größe und in der Stockwerkzahl.

Auf der alten Handzeichnung im Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, taucht der Name Keysers zweimal auf. Einmal neben der Hofanlage und ein weiteres Mal W. Keysers auf dem südlichen Teil der heutigen Königstraße, zwei Häuser südlich neben dem Haus von Franz Erckens, der heutigen denkmalgeschützten Nummer 8. Der Name Keysers findet sich auch in den Dezennaltabellen von Bracht, in denen Geburten, Sterbefälle und Eheschließungen erfasst sind. Sie befinden sich ebenfalls im Kreisarchiv Viersen und sind ebenso wie die Akten des Brachter Gemeindearchivs der Öffentlichkeit zugänglich.

Wer war dieser Johann Keysers?

In einschlägigen Akten des Gemeindearchivs Bracht finden sich weitere Hinweise auf Johann Keysers, der in den Jahren von 1826 bis 1846 mit zu den steuerpflichtigen Brachter Grundbesitzern zählte.

Er war ein angesehener Bürger und Mitglied des Gemeinderates. In dieser Funktion unterzeichnete er zusammen mit Peter Mathias Erckens, Goswin Thoers, Wilhelm Erckens, Moers, Franz Erckens und anderen den Schuldenetat der Gemeinde Bracht, Bürgermeisterei Kaldenkirchen.

In der Dezennaltabelle Bracht, Sterbefälle 1798-1882 ist der Todestag des Johann Keysers auf den 24. Oktober 1847 datiert.

Der Einsturz des Brachter Kirchturms neben der Hofanlage Keysers

Am 09. Juni 1830, nur sieben Jahre, nachdem der Dreiseithof des Johann Keysers die Platte mit der Nummer 58 erhalten hatte, stürzte der Nordturm der katholischen Pfarrkirche unmittelbar neben der Hofanlage mit donnerndem Getöse ein. Johann Keyers und seine Familie sind wohl mit dem Schrecken davongekommen, denn von den Hofinsassen erlitt niemand Verletzungen durch umherfliegende Trümmer.

Das Drama wurde in den Aufzeichnungen des Brachter Chronisten Franz Erckens, der von 1823 bis 1851 Gemeindevorsteher und beigeordneter Bürgermeister in Bracht war, beschrieben.

Franz Erckens, wohnhaft im südlichen Teil der Königstraße (zum jetzigen Zeitpunkt das denkmalgeschützte Haus Nummer 8), schickte eilig einen Boten mit einem Schreiben zum damaligen Bürgermeister Delhees nach Kaldenkirchen, um das Unglück anzuzeigen, damit Hilfsmaßnahmen veranlasst werden konnten. Franz Erckens fügte in seinem Schreiben die beruhigenden Worte hinzu, dass keine Personen zu Schaden gekommen seien. Auch von angrenzenden Gebäudeteilen, die unter den Trümmern des Kirchturms begraben worden seien, war nicht die Rede. Vor Beginn der Abbrucharbeiten des Restturms ließ Bürgermeister Delhees die nächstgelegenen Häuser räumen. Aus dem Abbruchmaterial sollte ein Schutzwall für die umliegenden Häuser errichtet werden.

Während der Abbrucharbeiten der Turmruine war die ansässige Familie Jansen heimlich wieder in ihr nächstgelegenes Haus zurückgekehrt. Am 30. Juli wurde der westliche Teil des Turmes abgerissen. Die in der Nähe von 30 Fuß (9,42 m) gelegene Kirchhofringmauer, die auf der Lithografie zu erkennen ist, blieb gänzlich unversehrt.

Einen Tag später, am 31. Juli, wurde der östliche Teil der Turmruine niedergelegt. Familie Jansen, die man zwischenzeitlich gezwungen hatte, das Haus wieder zu verlassen, war erneut zurückgekehrt. In einer Entfernung von 83 Fuß (26 m) zertrümmerten die fallenden Turmsteine zwei Häuser, darunter das der Familie Jansen. Dorothea Jansen und zwei ihrer Kinder, darunter Maria Eva, die blind und gehbehindert war, kamen ums Leben. Die andere Seite der Kirchgasse mit dem Hof von Johann Keysers blieb gänzlich verschont.

1936 – Umbenennung der Straßen nach NSDAP Größen

Zwischenzeitlich, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts waren alle Hausnummern in Bracht wieder geändert worden. Die damalige Nummer 65 am hiesigen Standort erhielt im Jahr 1936 die Nummer 23 und blieb bis zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Textes unverändert. Das hatte folgenden Hintergrund: Am 12. Januar 1936 erging ein Schreiben des nationalsozialistischen Reichsinnenministers Wilhelm Frick an die untergeordneten Behörden. Darin wurde bemängelt, dass immer noch Straßen nach „unwürdigen“ Personen benannt waren, die schon aus der NSDAP ausgeschlossen waren. Er ersuchte die untergeordneten Behörden, die Straßennamen zu ändern, sie sollten nach führenden Personen der NSDAP benannt werden.

Zwei Monate später wurden die Hauseigentümer zur Anbringung einer Hausnummer verpflichtet, die Bekanntmachung der Umbenennung der Straßen erfolgte in Bracht am 06. August 1936 und wurde am 19. August 1936 ausgehängt.

Kolonialwaren und Drogenhandlung

Die Häuser an diesem Standort der Nummern 23-27 wechselten während der letzten 200 Jahre mehrfach ihre Besitzer. Der Keysers`sche Hof war geteilt worden, doch daran erinnerte sich von den späteren Hauseigentümern niemand mehr. Wilhelm Missing besaß im Haus mit der damaligen Nummer 65 vor 1936 eine Grob- und Feinbäckerei, die auch noch andere Waren des täglichen Bedarfs zu bieten hatte: Kolonialwaren, Glas und Porzellan, Tabak, Zigarren und Zigaretten und eine Drogenhandlung, in der Arzneimittel abgewogen und verkauft wurden. Als Kolonialwaren wurden in damaliger Zeit Waren aus Übersee bezeichnet, wie Zucker, Kaffee, Kakao, Tee, Tabak und Gewürze. Der Begriff Kolonialwaren hielt sich bis in die 70er Jahre des 20. Jhds. Die Läden führten zunehmend auch Artikel des täglichen Bedarfs wie Seife, Waschmittel, Petroleum und andere Haushaltswaren. Horst Appel übernahm im Jahr 1967 die Bäckerei in der Nummer 23 von Josef Erkes, ab 1970 begann er mit dem Verkauf von Kaffee und Süßwaren.

Die Heimatfreunde Bracht haben die wechselnden Namen der Besitzer der Gebäude der Königstraße im 20. Jahrhundert zurückverfolgt und dokumentiert. Sie stützten sich dabei auf die noch lebendigen Erinnerungen der Brachterinnen und Brachter und auf die umfangreiche Sammlung von alten Brachter Fotografien im Privatarchiv des Walter Feyen aus Bracht.

1989 – auf historischen Gewölben

Der derzeitige Besitzer Klaus Fent erwarb 1989 das Haus in der Königstraße Nr. 23 und eröffnete in den Räumen der ehemaligen Bäckerei Appel seine Firma für Büroorganisation. 1999 wurden die Häuser Königstraße Nr. 25-27 dazu erworben, und der Eigentümer führte eine Kernsanierung durch. Unter den Häusern befinden sich immer noch vier historische Gewölbekeller, in die Johann Keysers und die Bewohner des Hofes oft hinabgestiegen sind. Sie dienten im bäuerlichen Umfeld als Vorratsräume für Feldfrüchte.

Bracht 2015
Anna Freier

Quellennachweis:

Kreisarchiv Viersen (KAV), Gemeindearchiv Bracht, Nummer 202, Blatt 9, 55, 70, 328-330; KAV, GA Bracht, Nummer 27, Blatt 6ff.; KAV, GA Bracht, Nummer 191, Bl. 22ff., hier findet sich die eigenhändige Unterschrift von Johann Keysers, zusammen mit Peter Mathias Erckens, Goswin Thoers, Wilhelm Erckens, Moers, Franz Erckens und anderen Mitgliedern des Brachter Gemeinderates der damaligen Zeit; KAV, GA Bracht, Nummer 799, Blatt 1-3; KAV, GA Bracht, Nummer 1633; KAV, Dezennaltabellen Brachter Sterbefälle 1798-1882, Todestag des Johann Keysers war der 24. Oktober 1847; desweiteren mündliche Auskünfte vom derzeitigen Eigentümer Klaus Fent zur Sanierung des Anwesens; Informationen der Heimatfreunde Bracht; Heimatbuch des Kreises Viersen, HBV 31, 1980, Seite 87ff..

Bildnachweise und Erläuterungen

Abbildung 1: Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, Nummer 799, Blatt 3.

Abbildung 2: Manfred Petry: Der Einsturz des Brachter Kirchturms im Jahre 1830 und sein Wiederaufbau, in: Heimatbuch des Kreises Viersen, 31 (1980), Seite 83-103, nach einer zeitgenössischen Lithografie von I.H. Funcke, Krefeld.

Abbildung 3: Um 1975 befand sich im hinteren Teil des Anwesens noch eine Hofstelle. Im Bild rechts befand sich der Pferdestall, links führte eine kleine Tür zum Hühnerstall. Die Aufnahme ist nicht datiert, stammt wahrscheinlich aus einer Serie vom 13.01.1975. Bildnachweis: Kreisarchiv Viersen, Bildarchiv, Ortsindex Bracht, Signatur 3622.

Abbildung 4: Die Aufnahme vom 13.01.1975 zeigt die Westseite des Anwesens mit der Hofeinfahrt für Pferde- und Ochsenfuhrwerke. Der Gebäudeteil war in den Abmessungen Teil des westlichen Seitenflügels der ehemaligen Hofanlage Keysers. Bildnachweis: Kreisarchiv Kempen, Bildarchiv, Ortsindex Bracht, Signatur 3624.

Abbildung 5: Hofseitig überbaute Hofeinfahrt vor der Sanierung Bildnachweis: Kreisarchiv Viersen, Bildarchiv, Ortsindex Bracht, Signatur 3623