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Zoers Trinchen: Vom Gemischtwarenladen zum Weinkontor

Wie alle historischen Krisen brachten auch der Erste und Zweite Weltkrieg und die Jahre danach unkontrolliert wachsende Parallelwirtschaften hervor, die das Überleben der Menschen während der Hungerjahre sicherten.

In Bracht an der deutsch/niederländischen Grenze blühte der Schmuggel. Im Jahr 1920 wurde der Behördenapparat in Bewegung gesetzt, und der Zollgrenzkommissar Sievers aus Krefeld forderte von den Bürgermeistern in den Grenzorten Unterstützung im Kampf gegen Schmuggler, Schieber, Wucherer, Gold- und Edelsteinhändler oder Geldverleiher. Am 27. Juni 1920 hielt Dr. Falk, Berlin, im damaligen Hotel Holländischer Hof, Bahnhofstraße 31 in Kaldenkirchen einen Vortrag zum Thema „Bekämpfung des Schiebertums nach Abbau der Zwangsbewirtschaftung“.

Die Witwe des Johann Stoffers aus Bracht, eine geborene Hormes aus Heidhausen, wurde in einem anonymen Schreiben als Schmugglerin denunziert, sie schmuggele Kaffee und kaufe Gold und Silber auf und bringe es nach Holland.

Auch die Geschäftsleute der Orte in Grenznähe gerieten ins Kreuzfeuer der Behördenkritik: Man beanstandete, dass die Schmuggelwaren bequem in den Geschäften angeboten wurden, die Ortspolizeibehörden sollten Maßnahmen ergreifen. Folgende Schmuggelwaren zählten zu den begehrten Gütern: Benzol, Brikett, Brot, Butter, Dachsteine, Druckpapier, Gerstenkaffee, Getreide, Getreidekaffee, Kalk, Kleie, Kohle, Koks, Malz, Malzkaffee, Mehl, Frischmilch, Petroleum, Roggenkaffee, Saatgut, Xylol, Zement, Ziegelsteine und Zucker.

Die Schmugglerpfade führten durch den Brachter Wald. Unter den Schmugglern befanden sich viele Frauen und Kinder, die unter Einsatz ihres Lebens die Waren aus den Niederlanden nach Deutschland schleppten. Der Brachter Chronist Hans Wolters berichtet, dass eine Frau aus Bracht erschossen wurde, die acht Kinder hinterließ.

Bracht 2015
Anna Freier

Ein Schmugglerhaus

Das Haus, vor dem Sie gerade stehen, war von jeher im Besitz der Familien Kessels, Zoers und Schreurs. Gebaut wurde es um das Jahr 1770 als reines Wohnhaus und – wie es früher so üblich war – mit Stallungen im Hoftrakt. Dort wurden Kühe und Schweine gehalten. Zum Grundstück gehörte ein großer Bongert am jetzigen Westwall, der voll mit Obstbäumen war. Hühner hatten dort ein genüssliches Auskommen. Man war Selbstversorger.

Um ein weiteres Standbein zu bekommen, wurde etwa um 1900 ein Gemischtwarenladen eröffnet. Nach dem Ersten Weltkrieg war die wirtschaftliche Lage, wie in anderen Regionen, sehr angespannt, weite Teile der Bevölkerung hungerten. Die Behörden der umliegenden Ortschaften richteten auf Geheiß der Regierung Suppenküchen ein, in denen Frauenvereine ehrenamtlich tätig waren und die hungernden Menschen jahrelang mit warmem Essen versorgten. Die Preise erreichten schwindelerregende Ausmaße, für einen Doppelzentner Weizen wurden 18.800 Mark verlangt.

Doch die Not machte die Bewohner dieses Hauses erfinderisch. Sie betrieben einen regen Schmuggelhandel über die Grenze hinweg mit den benachbarten Niederlanden. Es wurden manche Gefahren auf sich genommen, um in den Grenzwäldern nicht aufzufallen. Die Mitglieder der Familie Kessels schmuggelten Erzeugnisse des heimischen Gartens und Produkte der hauseigenen Tiere über die verschlungenen Pfade durch den Wald.

Auf dem Rückweg schleppten sie Rucksäcke mit Kaffee, Zucker, Käse und anderen niederländischen Waren zurück. Jeder hatte seinen Vorteil, auf der deutschen, wie auf der niederländischen Seite. So war das, und es war lange Zeit so.

Während des Zweiten Weltkrieges darbte die Bevölkerung noch mehr, und der Schmuggel nahm „verbrecherische“ Dimensionen an. Aber ohne ihn hätte so mancher nicht überlebt. Selbst unter verfeindeten Völkern ist bei Mangel eine Kommunikation möglich und nötig. Im Zuge des Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Schmuggel irgendwann zum Erliegen, obwohl – so munkelt man – immer noch einiges an Zigaretten, Tabak und anderen Genussmitteln zollfrei den Weg über die Grenze findet.

Die Schuhmacherei

Heinrich Zoers wurde in den Zweiten Weltkrieg berufen und ließ Katharina mit der 1937 geborenen Tochter Helga allein in Bracht zurück. Nach der Evakuierung nach Wuppertal und Rückkehr nach Bracht musste sich Katharina Zoers alleine durchschlagen, da Heinrich in russische Kriegsgefangenschaft kam. Aus dieser kam er um 1948, drei Jahre nach Kriegsende, schwer krank nach Hause zurück und verstarb kurz danach. Die Erkenntnis, dass sie ihr Leben nun komplett selbständig meistern musste, bewog Katharina dazu, ein Schuhgeschäft mit angeschlossener Schuhmacherei zu gründen.

Wie so viele Kriegerwitwen nahm sie ihr Schicksal selbst in die Hand und hatte langfristig Erfolg. Die ersten Jahre in der Schuhmacherei waren jedoch recht karg. Die Jahreserträge lagen in den Jahren 1950 bis 1953 zwischen 2.093 DM und 3.600 DM. Aber Katharina Zoers machte sich in Bracht einen Namen und gewann mit Helmut Langer einen zuverlässigen und an die Familie angebundenen Schuster. Katharinas Tochter Helga, die eine Ausbildung zur Auslandskorrespondentin absolviert hatte, stieg in das Geschäft der Mutter ein. Tatkräftig wurden um 1960 eine Komplettsanierung und ein Umbau des Hauses in Angriff genommen.

Durch die Spezialisierung und Ausweitung des Angebots erlangte das Geschäft Bekanntheit über die Grenzen des Kreises Viersen hinaus. Man kaufte Schuhe bei Zoers Trinchen. Katharina arbeitete bis ins hohe Alter mit im Geschäft und musste auch die Schließung ihres Lebenswerks verkraften. Wie überall wurden die kleinen Fachgeschäfte in den Städten und Dörfern durch die Konkurrenz großer Ladenketten außerhalb der Wohngebiete verdrängt. Durch ihren Einsatz während der ganzen Jahre hat sie die Geschäfts- und Familienstruktur im alten Bracht mitgeprägt. Es folgten noch viele Ladenbetreiber in unterschiedlichen Branchen, teilweise auch aus der Familie. Auch zum jetzigen Zeitpunkt wird das Ladenlokal noch als solches genutzt, im Hinterhaus ist eine Mieteinheit etabliert.

Bracht 2015
Michaela Bongartz

Quellennachweis

Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, Nummer 1060; Hans Wolters: Der Weltkrieg 1914 bis 1918 im Leben einer Dorfgemeinschaft Eine Chronologie der Ereignisse und ihre Folgen für die Gemeinde Bracht, in: HBV 1990.

Bildnachweise und Erläuterungen

Abbildung 1: Zeitgenössische Karikaturen zum Schmuggel nach dem Ersten Weltkrieg im Brachter Wald waren zur damaligen Zeit verbreitet.
Bildnachweis: Kreisarchiv Kempen, Bildarchiv, Ortsindex Kaldenkirchen/Bracht, Signatur 17439

Abbildung 2: Bildnachweis: Privatbesitz Michaela Bongartz

Abbildung 3: Der Gemischtwarenladen wurde um 1900 eröffnet. Bildnachweis: Privatbesitz Michaela Bongartz

Abbildung 4: Ganz so beschaulich ging es zur damaligen Zeit im Brachter Wald nicht zu. Schmuggler wurden von den Polizei erschossen, darunter auch eine Mutter aus Bracht, die acht kleine Kinder hinterließ.
Bildnachweis: Kreisarchiv Kempen, Bildarchiv, Ortsindex Kaldenkirchen/Bracht, Signatur 17440

Abbildung 5: Grundnahrungsmittel waren in den Hungerjahren nach dem I. Weltkrieg zwangsbewirtschaftet.
Bildnachweis: Kreisarchiv Kempen, Gemeindearchiv Bracht, Nummer 1060, Blatt 115, Foto: Freier

Abbildung 6: Handwerksbuch der Katharina Zoers vom 17. Juni 1948. Bildnachweis: Privatbesitz Michaela Bongartz

Abbildung 7: In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde ein Umbau und Modernisierung des Hauses und des Ladengeschäfts notwendig. Bildnachweis: Privatbesitz Michaela Bongartz