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Legendär - Saal Linssen

Die Geschichte des Anwesens in der heutigen Königstraße Nr. 74 begann mit der Errichtung des Hauses im Jahre 1781. Straßenbezeichnung und Hausnummerierung haben sich seitdem mehrfach geändert.

Die Herkunftsorte der Vorfahren der derzeitigen Eigentümerin Roswitha Kessels, deren Mutter Emilie eine gebürtige Linssen war, sind weit verzweigt. Dass Namen und Herkunft teilweise bekannt sind, ist einzelnen Familienmitgliedern und einem Pfarrer aus dem Dorf Kessel an der Maas zu verdanken, die sich in Archiven beidseits der Maas auf Spurensuche nach der Familiengeschichte begeben haben. Die Familienlinien lassen sich im 17. Jhd. in dem ehemaligen Herzogtum Kleve nachweisen, im 18. Jhd. lebten Vorfahren in dem Dorf Kessel an der Maas. Einer anderen Familienlinie entstammte im 19. Jhd. der Rittergutbesitzer Johann Heinrich Kessels, der 33 Jahre lang Bürgermeister in Lobberich war. Eine weitere Linie zog schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts aus Waldniel nach Bracht. Dieser Zweig trug den Namen Linssen, auch in der Schreibweise Linhsen, Linßen und Lentzen in den Archivbeständen nachgewiesen. Im Familienarchiv werden sie als Holzgroßhändler und Gastronomen bezeichnet.

Ein Nachfahre dieser Familie, der Wirt und Landwirt Peter Johann Linssen, bewies unternehmerische Weitsicht, als er im Jahr 1897 in Bracht Hülst unter der Nummer 27 ein Anwesen mit Saalbetrieb erwarb. Zum jetzigen Zeitpunkt befindet sich dort, unter einer zwischenzeitlich mehrfach geänderten Hausnummer der landwirtschaftliche Betrieb und Hofladen der Familie Hofer. Im Jahr 1900 heiratete Peter Johann die Maria Barbara Peters aus Bracht. Sechs Jahre nachdem er den Saalbetrieb in Hülst übernommen hatte, zog die Familie nach Bracht, wofür die verwandtschaftlichen Beziehungen der Ehefrau ausschlaggebend gewesen sein mögen. Dort erwarb das Paar im Jahr 1903 das Anwesen an diesem Standort. Es war damals schon ein Wohnhaus mit Saalbetrieb.

Der Vorbesitzer C.W. Peters wird in den Akten des Gemeindearchivs Bracht am 03. November 1897 als Saalbetreiber an diesem Standort gelistet. Er war der Vater der Braut. Der Saal bot damals Platz für 300 Personen. Eine Aufstellung der öffentlichen Versammlungsräume für mehr als 200 Personen aus dem Jahr 1897 wies für Bracht und Hülst vier große Veranstaltungssäle nach. Das waren außerdem der Saal von Hermann Tüffers in Bracht in der jetzigen Marktstraße 7 mit einer Kapazität von 210 Personen, Linssen in Hülst am jetzigen Standort des landwirtschaftlichen Betriebs Hofer mit einer Kapazität von 300 Personen und der 250 Personen fassende Saal von Houpertz in Bracht. Die Größe der Säle lag im Jahr 1909, als der Minister für öffentliches Arbeiten und des Innern, Berlin, eine weitere Erhebung durchführen ließ, zwischen 140 und 200 m².

Maria Barbara, geb. Peters und Peter Johann Linssen bekamen drei Kinder, darunter Regina Emilie Linssen, die 1908 geboren wurde. Sie war die Mutter der derzeitigen Eigentümerin Roswitha Kessels. Als Peter Johann Linssen mit 69 Jahren im Jahr 1928 verstarb, stand Maria Barbara mit ihren drei mittlerweile erwachsenen Kindern Therese, Johann und Emilie alleine da. Die couragierte Frau führte die im gleichen Jahr begonnene Erweiterung des Saales fort. Saal Linssen wurde zu einem kulturellen Mittelpunkt für die Region. Als eines der ersten Häuser in Bracht wurden Saal und Wohnhaus mit elektrischem Strom beliefert.

Die Familie arbeitete zusammen, Therese und Johann unterstützten die Mutter bei der Arbeit in dem immer erfolgreicher werdenden Saalbetrieb. Therese und Johann blieben unverheiratet. Als ihre Mutter Maria Barbara im Jahr 1941 verstarb, konzentrierten sie sich ganz auf die Aufgabe, Theateraufführungen, Konzerte und Veranstaltungen im Saalbetrieb zu organisieren. Einer der kulturellen Höhepunkte war der Auftritt der Don Kosaken unter Leitung von Serge Jaroff im Jahr 1968. Der russische Männerchor hatte internationale Berühmtheit erreicht. Im Saal spielte jahrelang das NRW Landestheater, doch auch die lokalen Theater- und Gesangsvereine nutzten den Saal regelmäßig für ihre Aufführungen.

Jährlich fanden im Saal Linssen bis zu 30 Kulturveranstaltungen statt. Für die Jugendlichen im Bracht der 60erJahre des vergangenen Jahrhunderts war der Saal Linssen dagegen die erste Adresse für Rockmusikveranstaltungen. Bis zu 400 Jugendliche drängten sich in den Saal zu den Jugendbällen, wie sie zu der Zeit allerorts in ländlichen Gegenden und großen Sälen veranstaltet wurden. Im Jahr 1981 wurde der Saalbetrieb eingestellt.
Ein Discounter mietete die Räumlichkeiten als Ladenlokal und ließ die kleinteiligen Fenster der Fassade zu großen Schaufenstern erweitern. Alle Requisiten und Bilder im Saal wurden von dem Mieter entsorgt. Seit 1994 mietete eine Firma aus Grefrath die Ladenfläche als Getränkefachmarkt, seit dem Jahr 2012 nutzt ein anderer Getränkemarkt die Räumlichkeiten. Die Familien Peters, Linssen und Kessels haben mit ihrem privaten Engagement als Wirte und Saalbetreiber weit über 100 Jahre die kulturelle und wirtschaftliche Infrastruktur im Ort mitgestaltet. Sie waren den Veränderungen der kulturellen Geschmacksrichtungen ebenso unterworfen wie dem Strukturwandel im Einzelhandel und Konsumverhalten. Ihre Wünsche richten sich derzeit auf die Fortführung christlich kultureller Traditionen, auf die Integration der Jugend und alten Mitbürger sowie den Erhalt der Tier- und Pflanzenwelt in und um Bracht.

Bracht 2018
Anna Freier

Quellennachweis

Interview mit Roswitha und Heiner Kessels vom 04.04.2014; private Dokumente der Familie Kessels; die Angaben zu den Versammlungsräumen für Bracht und Hülst aus dem Jahr 1897 und 1909 finden sich im Kreisarchiv Viersen (KAV), Gemeindearchiv Bracht (GA), Nr. 863, Bl.11,80.

Bildnachweise und Erläuterungen

Abbildung 1: Peter Johann Linssen mit seiner Frau Maria Barbara geb. Peters und den Kindern Therese, Johann und Emilie in einer Aufnahme vor 1928, Bildnachweis: Kessels.

Abbildung 2: Stromisolator aus Porzellan an der nördlichen Giebelwand des ehemaligen Saales. Als die Fassade neu gestaltet wurde, bestand die Eigentümerin darauf, die drei alten Stromisolatoren als historisches Zeugnis zu erhalten, doch zwei waren bereits abgeflext worden, Bildnachweis: Freier.

Abbildung 3: Große Bühne im Saal Linssen 1947, Amicitia Gesangverein Bracht, Aufführung Operette Winzerliesel, Bildnachweis: Heimatsammlung Füsers.

Abbildung 4: Am 02. Oktober 1968 trat der seinerzeit berühmte russische Männerchor der Don Kosaken Chor unter Leitung von Serge Jaroff im Saal Linssen auf, Bildnachweis: Privatarchiv Walter Feyen.

Abbildung 5: Der Musik und Gesangverein Wohlgemut aus Boerholz veranstaltet das Rosenfest im Jahr 1967, Bildnachweis: Privatarchiv Walter Feyen.