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Gemeindehaus – Schule – Gefängnis – Post – Bürgermeisteramt – Café

Das heutige Gebäude wurde 1827 auf den erneuerten Grundmauern des alten Gemeindehauses errichtet, das die katholische Schule, eine Lehrerwohnung, das Gemeindebüro, eine Wachstube und das Gefängnis beherbergte.

Nach Abbruch des maroden Gebäudes im Frühjahr 1826 erfolgte der Neubau, der im Sommer 1827 fertiggestellt wurde. Die Eingangsfront des zweigeschossigen Putzbaus mit Walmdach lag zur Marktstraße heraus. Die Fassade hatte fünf Achsen, den leicht vorspringenden Mittelteil krönte ein Dreiecksgiebel. Zwei Eingänge führten von der Marktstraße in das Haus, das bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Bezeichnung „Dorf 21“ trug.

Das neue Gebäude nutzte die Gemeinde für diverse Zwecke: Gemeindebüro, Versammlungssaal, Schreibstube und Archiv, Wachstube und Gefängnis. Im Hof befand sich zudem für einige Zeit das Spritzenhaus. Die erste Etage oberhalb der Bezeichnung „Bürgermeisteramt“ war der dafür zuständige Bereich des Bürgermeisters mit Arbeitszimmer und Sitzungssaal. Ab 1861 wurde das Untergeschoss und ein Teil des Obergeschosses vorübergehend für Postzwecke und Wohnungen genutzt. Zu den Mietern zählten die Polizisten Winkens und Hoeren samt ihren Familien.

Im Jahr 1873 wurden sämtliche Räume des Erdgeschosses, außer dem Gefängnis und der Wachstube, an den Postexpediteur Adam Voos verpachtet. Dieser wohnte ebenfalls mit seiner Familie zunächst in diesem Haus. Adam Voos war der Vater des Dr. Wilhelm Voos, der zu einem späteren Zeitpunkt das Kastell Schleveringhoven erwarb und dort eine Naturheilanstalt betrieb.

Der Außenbau wurde 1886 unter Beibehaltung der beiden Eingänge dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend in historisierenden Formen umgestaltet. Die innere Einteilung blieb bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch im Wesentlichen unverändert. Erst 1905 wurden hier Umbaumaßnahmen vorgenommen, verbunden mit einer Neubedachung 1906, bestehend aus Doppelmulden- und Schmuckfirstziegeln, damals typische Produkte der Brachter Tonindustrie.

Unter diesem neuen Dach wohnte die Familie Hoeren, über dem Sitzungssaal der Gemeinde, die ihre Verwaltung im unteren Bereich der evangelischen Schule in der Marktstraße 8 untergebracht hatte. Mit ihrer Rückkehr in das Bürgermeisteramt im Jahr 1921 wurde die Toreinfahrt an der Königstraße geschlossen und hier ein Raum für den Verwaltungsinspektor eingerichtet.

Zur Zeit des Nationalsozialismus diente das Rathaus zeitweise als Parteiheim und befand sich auch auf der in Adolf-Hitler-Straße umbenannten Markstraße.

Drei Jahrzehnte hatte das Haus mit Umbauten relative Ruhe. 1951 erfolgte dann ein gravierender Eingriff: Der ganze Bau wurde neu unterkellert, eingezogene Zwischenwände veränderten die Räume, zudem wurden Fenster an der Schmalseite und der Gefängniszugang zugemauert. In den 1950er Jahren waltete Hermann Hauser als Bürgermeister hier seines Amtes. Nebenberuflich sichtete er im Rathaus Akten und schrieb Beiträge für das Heimatbuch des Kreises Kempen-Krefeld. Nachdem die Gemeindeverwaltung 2015 aus dem Gebäude ausgezogen ist, eröffnete hier 2016 ein Café.

Brüggen 2015
Otto Lehmann

Quellennachweis

Bracht, Brüggen, Born
Schriftenreihe des Kreises Viersen, 1979
Aufsätze zur Landschaft, Geschichte und Gegenwart.
Brües, Eva: Die Denkmäler der ehemaligen Gemeinde Bracht. In: Heimatbuch des Kreises Viersen 1984.
Deilmann, Joseph: Geschichte des Amtes Brüggen, Teil I (1927) und II (1930), Verl. Joseph Thelen Süchteln.
Hauser, Willy: Nachlass Hermann Hauser.
Hauser, Hermann: Die wirtschaftliche Lage der Gemeinde Bracht im 19. Jahrhundert. In: Heimatbuch des Kreises Kempen-Krefeld, 1959.
Jorissen, Ferdinand: Bracht Niederrhein, 1964.
Lehmann, Otto: Wilhelm Voos aus Bracht Seefahrer und Buschdoktor in Amerika, 2014/15
Manten, Johann Jakob: Über das alte Rathaus in Bracht. In: Heimatbuch des Kreises Viersen 1994.
Voelz, Günter: Der Canton Bracht – 20 Jahre unter französischer Herrschaft (1794-1814).
Voos, Friedrich Wilhelm: Erzählung „Wie ich Buschdoktor wurde“, Bracht 1937.

Bildnachweise und Erläuterungen

Anna Freier Bracht 2019

Abbildung 1: Handzeichnung Bracht aus dem Jahr 1823, südlicher Teil, Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, Nummer 799, Blatt 3. Im unteren Bildrand ist der Bracht umgebende Wallgraben eingezeichnet. Etwa in der Mitte der Zeichnung verläuft waagerecht die heutige Marktstraße, die damals noch wie alle Straßen in Bracht namenlos war. Das Gebäude mit der Hausnummer 99 beherbergte das Gemeindehaus. Beide Schulen mit den Nummern 103 und 104 befanden sich schräg gegenüber. Die evangelische Kirche hatte die Hausnummer 35 am derzeitigen Standort, und gegenüber auf der Nordseite der Marktstraße lag etwas nach hinten versetzt das Gebäude von Goswin Thoer mit der Hausnummer 98. Der schmale Gang zur katholischen Pfarrkirche ist auf der Zeichnung angedeutet. Die Hausnummern wurden bis zum heutigen Zeitpunkt mehrfach geändert.

Abbildung 2: Bürgermeisteramt Poststempel 25.04.1911, Heimatsammlung Füsers, Bracht

Abbildung 3: Blick in die Marktstraße Richtung evangelische Kirche 1912. Links hinten im Bild befindet sich die Fassade des Bürgermeisteramtes, rechts die evangelische Schule. Privatarchiv Walter Feyen, Bracht

Abbildungen 4-6: Während der Zeit des Nationalsozialismus wehte vom Rathaus in der Marktstraße, die auf Druck der NS Parteiführung im Jahr 1936 in Adolf Hitler Straße umbenannt wurde, die NS Flagge.

Abbildung 4 und weiter dazu: Ina Germes-Dohmen: Die Zeit des Nationalsozialismus 1933 bis 1945, in: Bracht Geschichte einer niederrheinischen Gemeinde, hrsg. Ina Germes-Dohmen, Brüggen 2015, S. 343 ff.

Abbildung 5: Heimatsammlung Füsers, Bracht

Abbildung 6: Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, Nummer 1633, Blatt 15.

Abbildung 7: Aufnahme von 1968