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Schankwirtschaft, Mülltransporte und ein Bioladen

Das Baujahr des Anwesens Nummer 11 und Nummer 13 Marktstraße lässt sich nur vermuten. Die derzeitige Besitzerin Sonja Lankes verweist auf einen Eichenholzträger im Flur des Hauses Nummer 13 mit der eingeschnitzten Jahreszahl 1750. Ob es sich dabei um das Baujahr handelt ist jedoch unklar.

Dennoch reiht sich der hiesige Standort der Gebäude in die Brachter Ortsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mühelos ein.

Unter dem Anwesen befinden sich mehrere historische Gewölbekeller aus der Zeit der Grundsteinlegung, wie an vielen anderen Stellen in Bracht. Der Gewölbekeller der Nummer 13 ragt heute noch unter das Gebäude der Nummer 15. Das lässt vermuten, dass sich die Eigentumsverhältnisse für die Grenzabmessungen der derzeitigen Gebäudehüllen geändert haben, während die ursprünglichen Gewölbekeller in den Fundamentabmessungen des Baujahrs erhalten blieben.

Im Jahr 1823 bewohnten Familien mit alten Brachter Namen diesen Standort. So finden wir in einer Handzeichnung von Bracht aus dem Jahr 1823 die Familiennamen Zoers und Compans. Die Bedeutung des Standortes wird durch die damalige Lage in unmittelbarer Nachbarschaft gegenüber der Katholischen und Evangelischen Schule des Ortes hervorgehoben. Während die Katholische Schule abgerissen wurde, befindet sich am anderen Standort heute das Evangelische Gemeindehaus.

Zeitgeschichtliche Adressenänderung

Straßenbezeichnung und Hausnummern haben sich im Laufe der letzten 200 Jahre mehrfach geändert. Während der Zeit nach der Französischen Revolution im Jahr 1789 und der Gründung des linksrheinischen Départements de la Roer (1794 bis 1814) hieß die Marktstraße Bürgerstraße, unter nationalsozialistischem Einfluss und Druck des damaligen Reichsinnenministeriums wurde die Dorfstraße 1936 in Adolf Hitler Straße umbenannt. Im Haus mit der heutigen Nummer 11 lebte damals die Familie des Johann Peuten mit Ehefrau Anna, in der Nummer 13 die Familie des Bruders Peter Peuten mit Ehefrau Babilla. Zwischendurch verschwanden die Straßennamen in Bracht immer wieder, und der Standort wurde einfach als Dorf Nummer 129 und Nummer 130 bezeichnet. Es ist nicht überliefert, wie die Peutens auf die Adressänderungen reagiert haben, denn nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Straßenbezeichnung erneut.

Die Brachter Bierlobby

In den frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts tritt der Gast- und Schankwirt Johann Peuten mehrfach in den Akten des Gemeindearchivs Bracht in Erscheinung. Durch eine Verordnung des damaligen Reichspräsidenten vom 26. Juli 1930 zur Behebung finanzieller, wirtschaftlicher und sozialer Notstände, wie sie in den Jahren nach der großen Weltwirtschaftskrise die Lebensumstände auch der Brachter Bevölkerung bestimmten, sollte die Krise u.a. durch Erhöhung der Biersteuer gemildert werden. Nach verschiedenen Nachbesserungen wurde die Biersteuerverordnung am 17. Dezember 1933 durch Schelle verkündet und durch Anheftung am Schwarzen Brett im Rathaus für 14 Tage bekannt gemacht.

Das rief den Wirthsverein von Bracht auf den Plan, dem Johann Peuten zusammen mit 13 anderen Gastwirten angehörte. Der damalige Vereinsführer Josef König, damals Eigentümer der heutigen Marktstraße Nummer 2, richtete am 19. Juli 1934 im Namen des Wirthsvereins ein Schreiben an die Gemeindeverwaltung, in dem man sich über die Härten für die Wirte nach Einführung der Biersteuer beklagte. Das Schreiben war mit Heil Hitler unterzeichnet. In den Akten des Gemeindearchivs Bracht waren im Jahr 1934 in Bracht und den Sektionen (Börholz, Alst, Hülst und Stieg) 35 Schankwirte und Bierverleger wirtschaftlich aktiv.

Die nahe gelegene Brauerei Grenzmark aus Schaag mit Bahnstation in Breyell lieferte im Oktober 1936 103,71 Hektoliter Starkbier nach Bracht, im Mai 1937 waren es 123,18 Hektoliter das sind 12.318 Liter Starkbier. Der Hektoliter Starkbier kostete zur damaligen Zeit 6 Reichsmark, darauf wäre die Biersteuer zu entrichten gewesen. Am 9. August 1934 antwortete der Brachter Bürgermeister auf das Schreiben von Josef König. Den Wirten des Wirthsvereins wird ein 10%iger Nachlass auf die Steuer zugestanden, aber nur den Vereinsmitgliedern, zu denen Johann Peuten gehörte.

Multiprofessionalität im historischen Wandel

Am 09. April 1933 war Annemie Peuten als erstes Kind der Eheleute Johann und Anna Peuten geboren worden. Annemie war die Schwiegermutter der derzeitigen Besitzerin Sonja Lankes. Johann Peuten, der jung mit 47 Jahren verstarb, hinterließ seine Frau und die beiden Töchter Annemie und Marlise. Insbesondere Annemie kümmerte sich um den kleinen Hof mit Viehwirtschaft und den Schankraum, da ihre Mutter kränklich war und ihre jüngere Schwester Marlise eine Ausbildung im ehemaligen Autohaus Opel Dohmen, Kaldenkirchener Straße (heutiger Rewe Markt) absolvierte und bis zu ihrer Heirat dort arbeitete.

Anna und Annemie, Mutter und Tochter, führten die Viehwirtschaft und Schankwirtschaft alleine weiter. Es mögen schwierige Zeiten für die Frauen gewesen sein. Im Mai 1937 lieferte die Brauerei Grenzmark an die Gastwirtschaft Peuten 197 Liter Starkbier aus. Im Vergleich dazu umfasste die Lieferung für den ehemaligen Saal Linhsen auf der Königstraße 2033 Liter Starkbier.

Die Frauen sahen sich gezwungen, einen weiteren Erwerbszweig zu erschließen. In den Gewerbesteuerlisten des Brachter Gemeindearchivs ist die Witwe Johann Peuten als Transportunternehmerin in den Jahren von 1948 bis 1953 aufgeführt. Die Erträge schwankten zwischen 315 D-Mark (Deutsche Mark von 1948 bis 2001 offizielles Zahlungsmittel der Bundesrepublik Deutschland) und 1.400 D-Mark im Jahr. Von 1953 bis 1960 wird die Witwe Johann Peuten in den Gewerbesteuerlisten unter den Brachter Gastwirten gelistet. Die Erträge aus dem Wirtshaus schwankten zwischen 1.400 D-Mark und 3.200 D-Mark jährlich. Die Familie berichtete, dass das Transportfahrzeug zum Müll fahren und in eigenen Landwirtschaft eingesetzt wurde, denn als wichtiges wirtschaftliches Standbein betrieb die Familie immer noch die kleine Viehwirtschaft mitten im Ort.

Tochter Annemie Peuten heiratete Heinrich Lankes, der seit der Krankheit der Mutter als landwirtschaftlicher Helfer auf dem Anwesen arbeitete. 1956 wurde deren Tochter Anne Marie und 1958 der Sohn Hans Peter geboren, der im Jahr 1986 die derzeitige Besitzerin Sonja heiratete. Anne Marie und Heinrich Lankes ließen sich wenige Jahre später scheiden. Anne Marie Lankes, geb. Peuten erwarb am 20. Januar 1967 erneut die Konzession zum Betreiben einer Gastwirtschaft in der Nummer 11 und nannte sie Marktstübchen. Die Kneipenlandschaft von Bracht hatte sich mit den Jahrzehnten geändert. Im Jahr 1969 betrieben innerorts noch 14 Wirtinnen und Wirte ihre Lokale, die vom kleinen Imbiss auf der heutigen Kaldenkirchenerstraße bis zum Saalbetrieb reichten, darunter Annemie Peuten.

Die Gastwirtschaft in der Nummer 11 wurde in den Jahren danach mehrfach verpachtet. Lokale Berühmtheit erlangte das damals als Claire`s bekannte Lokal durch die gleichnamige Pächterin Claire, die mit einem Angehörigen der Britischen Rheinarmee verheiratet war. Es wurde zu einem beliebten Freizeitstützpunkt der hier stationierten britischen Armeeangehörigen und machte während der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts durch ausgelassene nächtliche Feiern von sich reden.

Peter Peuten und seine Frau Babilla, die während der ganzen Zeit in der Nummer 13 wohnten, bekamen keine Kinder. 1983 verstarb Peter Peuten, der als Hilfsarbeiter in der Brachter Tonziegelproduktion gearbeitet hatte. Die Tochter seines Bruder, die couragierte Annemie, die mit ihrer jüngeren Schwester Marlise nach dem Tod der Mutter in der Nummer 11 gewohnt hatte, kaufte die Nummer 13 im Jahr 1985 ihrer Tante Babilla ab, die zu Verwandten zog. Annemie kaufte nur das kleine Haus, alles andere hinter dem Anwesen gehörte ihr schon. Sie war mittlerweile in zweiter Ehe mit Heinz Dings verheiratet, bekam noch zwei Söhne und verstarb im Jahr 2013.

Ihr Sohn Hans-Peter und seine Frau Sonja bewohnten seit 1983 das kleine Haus in der Nummer 13. Vieles im verwinkelten Innenraum des kleinen Hauses erinnert an Peter und Babilla Peuten.

Sonja Lankes betrieb im vorderen Teil des Häuschen von 1988 bis 2003 den ersten und einzigen Bioladen in Bracht. Hinter dem Haus hat das Paar einen Neubau für sich und die wachsende Familie errichtet. Im Jahr 2005 bauten die Besitzer die Gaststätte und die Tordurchfahrt der Nummer 11 zur Wohnung um. Auf der Grundfläche, die jahrhundertelang als Durchfahrt für die landwirtschaftlichen Ochsengespanne diente, befindet sich seit dem Erstbezug im Jahre 2006 die neu entstandene Küche.

Bracht 2015
Anna Freier

Quellennachweis

Kreisarchiv Viersen (KAV), Gemeindearchiv Bracht, Nummer 1577, zur Erhebung der Biersteuer und Widerstand des Wirthsvereins; KAV, Gemeindearchiv Bracht, die Nummern 1579, 1632, 1718, 1969, 1996; letztere beinhaltet die Gewerbesteuerlisten der Brachter Gewerbetreibenden aus den Jahren 1948 bis 1960. Darin wird die Witwe des Johann Peuten als Transportunternehmerin gelistet; Desweiteren: mündliche Informationen von Sonja Lankes.

Bildnachweise und Erläuterungen

Abbildung 1: Eichenholzträger mit eingeschnitzter Jahreszahl 1750 im Innern des Hauses.
Bildnachweis: Privatbesitz Sonja Lankes

Abbildung 2: Gewölbekeller unter dem Anwesen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Bildnachweis: Privatbesitz Sonja Lankes

Abbildung 3: Handzeichnung aus dem Jahr 1823, Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, Nummer 799, Blatt 3.
Foto: Grams

Abbildung 4: Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, Nummer 1577, Blatt 208.
Foto: Freier

Abbilfung 5: Die ursprüngliche Toreinfahrt mit dem Kneipenschild von Claire's