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Ein Haus mit vielen Geschichten und Gesichtern

Das Haus Marktstraße 23 ist ein besonderes Zeugnis der Brachter Ortsgeschichte – in vielerlei Hinsicht. Im Laufe seines Bestehens hat es schon vielen Zwecken gedient und viele Menschen ein- und ausgehen gesehen.

Die Ursprünge

Zur Zeit seiner Errichtung 1714 war das Gebäude das größte Wohnhaus im Brachter Ortskern und blieb dies auch bis in das 20. Jahrhundert. Ursprünglich stand der Bau frei, wurde aber im Laufe der Zeit sowohl an den Seiten als auch im hinteren Teil verbaut. Als Besitzer des Hauses ist auf dem Ortsplan von 1823 Peter Matthias Erckens zu finden. Der Erbauer war wahrscheinlich sein Großvater Peter Erckens. Die Familie Erckens war eine bedeutende Familie der Brachter Geschichte. So lässt sie sich bereits im Jahre 1558/59 in Dokumenten finden. Schon im 17. Jahrhundert werden Mitglieder der wohlhabenden Familie in Bracht als Schöffen, ehrenamtliche Richter ohne juristische Ausbildung, aufgeführt. Der Besitzer der Marktstraße 23, Peter Matthias Erckens, war 1806-1814 gar Bürgermeister von Bracht und hatte Amtsräume in seinem Haus. Ebenfalls bekleidete er zu einem späteren Zeitpunkt das Amt des Steuerempfängers. Diese Position wurde nur gegen Kautionszahlung an vertrauenswürdige und vermögende Bürger vergeben. Noch zu Lebzeiten von Peter Matthias Erckens ging das Haus in den Besitz von Franz Leonhard Erckens, Peter Matthias‘ Bruder, über. Nach dem Aussterben dieser Erckens’schen Linie kaufte die Gemeinde 1907 das Haus samt dem großen, bis zum Südwall gehenden Grundstück. Ziel war es, in dem großen Gebäude das Bürgermeisteramt unterzubringen. Der große Schuppen, der sich bis zur Hellstraße erstreckte, wurde als Feuerwehrgerätehaus für die gerade gegründete Freiwillige Feuerwehr umgebaut.

Postamt

Aus dem Erckens-Haus wurde jedoch nie das Bürgermeisteramt. Es wurde bis in die späten 1920er Jahre an häufig wechselnde Mieter vermietet. So wurde ab 1907 in diesem Gebäude, in einem der Erdgeschossräume, die Postagentur betrieben. Diese Agentur wechselte ebenfalls des Öfteren ihren Ort, da es sich hierbei um einen Nebenverdienst handelte. Nach vielen verschiedenen Vermietungen beschloss der Gemeinderat 1928, das Haus für öffentliche Zwecke zu nutzen. Es entstanden Haushaltungs-, Näh- und Kochschul- sowie Versammlungsräume.

Badeanstalt

Nach und nach wurden dort auch eine Jungen- und Mädchenberufsschule eingerichtet sowie eine Badeanstalt. Bereits 1921 wurden erste Überlegungen zum Bau eines Gemeindebades konkretisiert, die Badeanstalt im Schuppen des ehemaligen Erckens’schen Hauses zu errichten. Im Jahre 1929 wurde die Badeanstalt mit sechs Wannen und zwölf Brausebädern eröffnet und ersetzte damit die in den meisten Haushalten noch fehlenden Badezimmer und vereinfachte somit auch die Körperhygiene im Dorf. Im Krieg wurde die Badeanstalt schwer zerstört und konnte erst 1952 von der Brachter Bevölkerung wieder genutzt werden, nachdem die britischen Besatzer das Gebäude beschlagnahmten und man nach Freigabe die Anstalt zunächst wieder aufbauen musste. Samstags war von 10 bis 20 Uhr Bade- und Duschgelegenheit für 70 bzw. 30 Pfennig. Schulkinder gingen mit ihren Lehrern samstags morgens baden.

Mitte der 1930er Jahre wurde die Fläche hinter der Badeanstalt, etwa zwei Morgen groß, von der Gemeinde zum neuen Marktplatz umfunktioniert. 1936 vermietete die Gemeindeverwaltung das Haus – außer den Räumen der Mädchenberufsschule – an die NSDAP, die es als Parteiheim benutzten.

Gemeindewäscherei

Im August 1953 wurde im ehemaligen Erckens-Haus, eine Gemeindewaschanstalt eröffnet, die von der Landwirtschaftskammer in Bonn als besonderes Projekt zur Entlastung der Brachter Bäuerinnen unterstützt wurde. Hierhin konnten die Brachter Hausfrauen ihre schmutzige Wäsche bringen, die dann dort gewaschen und getrocknet wurde. Der Erfolg der Wäscherei blieb jedoch aus. So gab es immer wieder Beschwerden über verlorene und beschädigte Wäsche. Ebenfalls schien der Preis von 50 Pfennig pro Kilogramm zu hoch für die Brachterinnen zu sein. Im Jahr 1964 übernahm ein Privatmann, der das Haus letztlich auch kaufte, die Wäscherei sowie eine Heißmangel, die bis heute erfolgreich existieren.

Neben der Wäscherei existierte im Haus ein Flüchtlingslager, das 1954 noch 44 Personen beherbergte.

Ab 1960 nutzten neben vier Mietparteien auch eine Versicherung sowie das Deutsche Rote Kreuz das Gebäude, bis die Gemeinde 1975 das Haus an einen Privatmann verkaufte. Ebenfalls beherbergte das Haus die Gemeindebücherei bis ca. 1976/77. Der Eigentümer nutzt es heute - nach eingreifenden Umbauten – als Wohnung und Büro.

Zeichen der Zeit

Aus der Erbauungszeit sind sich im Inneren u.a. der große straßenseitige, tonnengewölbte Kellerraum, die geschwungene Holztreppe mit eingedrehtem kunstvoll verzierten Anfänger und dünnen Geländerstäben und mit wenigen Veränderungen der Dachstuhl erhalten. Ebenfalls existiert immer noch der Fußboden im Eingangsflur mit zum Teil alten Blausteinplatten.

Bracht 2017
Pia Terstappen

Quellennachweis:

Ina Germes-Dohmen (Hrsg.): Bracht. Geschichte einer niederrheinischen Gemeinde von der Frühzeit bis zur Gegenwart, 2015 Exposé „Unterschutzstellung des Gebäudes Marktstraße 23 in Brüggen-Bracht. Prüfung der Aufnahme in die Denkmalliste (Teil A – Baudenkmäler) der Gemeinde Brüggen“, verfasst von Eva-Maria Willemsen M.A., Kempen (2014) Interview mit Kurt-Günther Stevens