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Die Wefers – 19 Kinder und drei Webstühle

In diesem Haus lebte Helene Wefers, die Mutter des derzeitigen Besitzers, zusammen mit ihren Eltern und 18 Geschwistern. Helene wurde am 22.10.1908 geboren. Der Name Wefers gibt einen Hinweis darauf, welchem Broterwerb diese Familie nachging, es waren Brachter Weber.

Als der Sohn Hans-Werner Rieken dieses Haus im Jahr 1975 übernahm, gab es im Erdgeschoss einen großen, durchgehenden Raum.

Er erinnert sich an Familiengeschichten, die besagen, dass darin an der Wand zum Nachbarhaus immer drei riesige Webstühle zwischen niedrigen Steinfundamenten gestanden hätten. Nichts im Inneren des Hauses deutet noch auf das Webergewerbe hin, das vielen Brachter Familien über lange Jahre angenehme und weniger angenehme Lebensumstände garantierte.

Die Familie des derzeitigen Eigentümers verfügt über keinerlei Erinnerungsstücke, doch finden sich andere Hinweise auf die Lebensumstände einer Weberfamilie in Bracht vor gut 100 Jahren. 1908, im Geburtsjahr von Helene Wefers, führte der damalige Landrat von Kempen eine Rentabilitätsprüfung für einzelne Kreise durch, um zu prüfen, ob der Ort Bracht mit elektrischem Strom versorgt werden sollte. Zum damaligen Zeitpunkt hatte Bracht 2633 Einwohner, davon gingen noch 3 Familien der Samtweberei nach. In der Hausweberei sorgte die Päd, ein mit Rüböl betriebenes Spinnlämpchen für schwache Beleuchtung bei einem bis zu 16 Stunden dauernden Arbeitstag.

In der kalten Jahreszeit wurden gußeiserne Öfen mit Stahl, Stein und Teuteldose Teuteldu-es, dem Zündschwamm entzündet und mit Spänen Ammaksbroch und Holz befeuert, die ältere Männer und Frauen met de Schörrkar aus dem nahegelegenen Brachter Wald herankarrten.

 

Als die Ebenen vom Gesang der Frauen widerhallten…

Seit der frühen Neuzeit wurde in dieser Region Flachs angebaut, manche Autoren sprechen sogar von einer Kontinuität seit der Römerzeit. In den Jahren 1813 und 1814 während der Zeit der französischen Besatzung des Rheinlands, als Bracht die Hauptstadt des Kantons Bracht im Arrondissement de Crévelt war, durchwanderte ein Franzose die Ebenen zwischen Rhein und Maas, die von 1798 bis 1814 für ihn zu seinem Frankreich gehörten. Sein Name war Jean Charles Francois Baron de Ladoucette.

In seinen Reiseerinnerungen beschrieb er enthusiastisch seine Eindrücke von Bracht und Umgebung: Die Felder, die im Frühjahr vom Flachs bedeckt waren, dessen Blüten ihr leuchtendes Blau angenehm mit dem Grün des Weizens, der Wiesen und Gehölze vermischten. Er beschrieb den Gesang der Frauen während der Flachsernte, von dem die Ebenen widerhallten. Nach der Ernte mussten die Flachsbündel außerhalb des Ortes in Tümpeln verrotten, sie wurden als stinkende Rotte erneut gebündelt, in Öfen getrocknet, gebrochen, zugeschnitten und gekämmt. Jean Charles Francois bezeugte, dass die Frauen auch dabei gesungen hätten. Die Spinnerinnen verspannen den Flachs zu langen Leinfäden, je nach Feinheit erzielte ein einziges Pfund so versponnenen Flachses bis zu 25 Francs. Nun stellten die Weber daraus Leinwand her, eine der besten des Département de la Roer, einem Gebiet mit einer Gesamtfläche von immerhin über 500.000 Quadratkilometern. Jean Charles Francois war nicht verwundert, dass die Franzosen Bracht als Hauptort des Kantons ausgewählt hatten: Die Lage sei zentral ganz und gar, die Lage angenehm, die Straßen gut gepflastert, seine Häuser hübsch, seine Einwohner lebten in guten Verhältnissen. Man habe fünf Töpfereien, vier Brauereien und drei Ölmühlen.

Ob die Frauen dieses Hauses in der Familie Wefers auch bei der Arbeit gesungen haben, wissen wir nicht. Aus der Zeit der Leinenweberei in Bracht gibt es keine Hinweise auf sie. Auf einer Handzeichnung aus dem Jahr 1823, die sich im Gemeindearchiv Bracht befindet, wird ein M. Inderteeggen an dieser Stelle als Eigentümer benannt. Die Familie Wefers hat das Haus erst später erworben. Der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt.

Der Untergang des Weberhandwerks in Bracht

Die Leinenweberei hatte nach der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1815 in Frankreich ihre Absatzmärkte verloren und verlor den Konkurrenzkampf gegen die billigen Baumwollgarne aus England. Etwa nach 1840 stellten die Handweber auf Samtwebstühle um. Viele Weber waren der Ansicht, dass Samt und Seide nicht auf den neuen mechanischen Webstühlen hergestellt werden könnten, weil das Verfahren zu kompliziert sei. Sie wähnten sich mit ihrer Handarbeit in einer ökonomischen Nische. Doch sie sollten sich bitter täuschen.

Im Jahr 1858 arbeiteten in Bracht 98 Meister und 53 Gehilfen als Weber in der Herstellung von Samt und Seide und in geringerem Maße für Baumwolle. Mit den mitarbeitenden Familienangehörigen entsprach das einem knappen Fünftel der Brachter Bevölkerung. In den beiden Jahrzehnten bis 1880 kam es noch einmal zu einer Scheinblüte der Samt- und Seidenweberei in Bracht.

Im Jahr 1887 wurden in Bracht und den Sektionen noch 447 Webstühle gezählt, als der Untergang der Hausweberei schon in vollem Gange war. Die in regelmäßigen Abständen von wenigen Jahren auftretenden Wirtschaftskrisen der Industrialisierung in Europa trafen alle Wirtschaftszweige und gerade die Hausweberei in voller Härte. In Lobberich, Dülken, Süchteln, Viersen, Mönchengladbach und Krefeld entstanden riesige Fabriken, in denen die Textilproduktion mit mechanischen Webstühlen erfolgte. Orte wie Bracht waren weit abgeschlagen.

Die Verarmung der Weber nahm ihren Lauf. Im Jahr 1885 waren in Bracht 154 Personen als gering bezahlte Gemeindearbeiter mit Aufgaben wie dem Wegebau und Forstarbeiten beschäftigt. Davon waren 151 ehemalige Brachter Weber.

Bracht 2015
Anna Freier

Quellennachweis:

Kreisarchiv Viersen, Gemeindearchiv Bracht, Nummer 641 und 2032; Ina Germes-Dohmen: Auf den Ton kommt es an, (Schriftenreihe des Kreises Viersen 43) Kreis Viersen 1999, Seite 28ff.; Hermann Hauser: Der elektrische Strom kam 1913, in: Brüggen, Bracht und Born Aufsätze zur Landschaft Geschichte und Gegenwart, (Schriftenreihe des Kreises Viersen 30) Kempen 1979, Seite 204-207.; Hans Wolters: Als in Bracht die „Päd“ noch brannte Licht und Brand im niederrheinischen Grenzland im 19. Jahrhundert, in: Heimatbuch des Kreises Viersen, 36, 1985, Seite 99-103; desweiteren mündliche Angaben von Hans-Werner Rieken

Bildnachweise und Erläuterungen

Abbildung 1: Aufnahme des Hauses in der derzeitigen Marktstraße 27. Aufnahme vor 1965. Privatbesitz Hans-Werner Rieken

Abbildung 2: Blick in die heutige Marktstraße von der Ecke Südwall/ Breyellerstraße aus. Die Gebäude bildeten die unmittelbare Nachbarschaft des Hauses der Wefers. Die gesamte Häuserzeile rechts im Bild wich dem Gebäudekomplex der derzeitigen Volksbank. Bildnachweis: Kreisarchiv Kempen, Bildarchiv, Ortsindex Bracht Signatur 3511. Das Datum der Aufnahme ist nicht erfasst.

Abbildung 3: Die Päd wurde oben an den Webstuhl gehängt, sie sorgte für trübes Licht bei der Weberei. Foto: Freier

Abbildung 4: Die Wefers erlebten noch die Zeit, als es in Bracht kein fließendes Wasser gab. Direkt gegenüber von diesem Haus befand sich eine von etlichen Pumpen, an denen die Dorfbevölkerung frisches Grundwasser hoch pumpte. Viele Häuser verfügten auch über eigene Brunnen. Bildnachweis: Kreisarchiv Kempen, Bildarchiv, Ortsindex Bracht, Signatur 3516; das Datum der Aufnahme wird mit nach 1910 angegeben.

Abbildung 5: Weberschiffchen, ähnlich wie hier gezeigt, mögen auch von der Familie Wefers benutzt worden sein. Sie finden sich zu Hunderten im Dorfmuseum in Hinsbeck. Foto: Freier