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Drogisten und Pillendreher 1927 bis 1983

Vier Maueranker auf einer historischen Aufnahme sorgten für die Statik des Backsteingemäuers und definierten gleichzeitig das Baujahr 1756. Im Jahr 1823 lebte etwa an diesem zentralen Standort die Familie Glasmachers. In direkter Nachbarschaft lagen öffentliche Gebäude, die evangelische Schule, das Brachter Gemeindehaus und die evangelische Kirche. Das Gebäude an diesem Standort erfuhr im Laufe der Jahrhunderte viele Veränderungen. Familie Colberz betrieb bis zum Verkauf des Anwesens mit Hof und Scheune im Jahr 1937 ein Taxiunternehmen, das die Fahrgäste mit Pferd und Wagen kutschierte. Im Jahr 1937 erwarben die Eheleute Alfons und Gertrud Kraemer die Liegenschaft von Familie Colberz.

 
 

Alfons Kraemer (1901-1979) hatte während seiner Ausbildung in Krefeld umfassende Kenntnisse in Buchführung, Herstellung, Lagerung und Vertrieb von legalen und heute teils illegalen Drogen aus Pflanzen, Tieren und Mineralien, tödlichen Giften und Gegengiften erworben. Er kannte die lateinischen Bezeichnungen der Heilpflanzen und besaß umfangreiche Kenntnisse in Chemie, Physik und Mathematik. Seine Berufsbezeichnung lautete Drogist. Er betrieb bereits seit 1927 in Bracht eine Drogerie, mit der er an diesen Standort umzog. Da in Bracht zu diesem Zeitpunkt noch keine Apotheke eröffnet hatte, verkaufte der Drogist Alfons Kraemer Arznei- und Heilmittel aller Art, aus Pflanzen getrocknet, im Laden zermörsert oder in Tropfenform in kleinen, braunen Glasfläschchen. Kunden mit Erkältungen, Magendarmerkrankungen und nervösen Beschwerden ließen sich vom Brachter Pillendreher, wie Alfons Kraemer genannt wurde, beraten.

Darüberhinaus versorgte das Geschäft ihre Kundschaft mit klassischen Drogerieartikeln des täglichen Bedarfs wie Seifen und Pflegeprodukten, Hygieneartikeln jeglicher Art, Farben, Mittel gegen Ungeziefer und allen gängigen Chemikalien für die Pflege von Haus, Hof und Garten. Es gab Babynahrung und Babyfläschchen, in deren Trinkschnuller im Laden von Hand ein Loch gestanzt wurde. Eine Vielfalt an Spirituosen konnte von Zeit zu Zeit im „schnapsdekorierten“ Schaufenster bestaunt werden. Die Kraemers verkauften auch Holländerkäse, der frisch im Laden vom Käselaib geschnitten wurde und andere Lebensmittel. Seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erweiterte sich das Sortiment im Bereich Kosmetik der damals führenden Marken Mouson, Tosca und Marbert.

Seit der Eröffnung hatte Alfons Kraemer eine Fotoabteilung im Laden eingerichtet. Der Kunde brachte die auf eine schwarze Zelluloidrolle gebannten Negativaufnahmen und holte Tage danach die Papierabzüge im Agfa Faltmäppchen wieder ab. Die Familie Kraemer führte das Drogeriefachgeschäft in Bracht von 1927 bis 1983.

Mithilfe einer manuellen Waage mit zwei Messingwaagschalen konnten die getrockneten Heilkräuter wie Kamille, Birkenblätter und viele andere aufs Gramm genau abgewogen werden. Im Laden arbeiteten Alfons Kraemer und seine Frau Gertrud gemeinsam. Die 1934 geborene Tochter Ruth und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Ulla ließen sich ebenfalls zu Drogistinnen ausbilden, lernten die lateinischen Bezeichnungen der Heilpflanzen und verstärkten bald das Team in Bracht. Hinzu kamen weitere weibliche Angestellte. Die Damen und Alfons Kraemer trugen während der Arbeit weiße Kittel.

Im Jahr 1958 realisierte die Familie Kraemer einen umfangreichen Ladenumbau. Die historischen Glasvitrinen, Schubladenschränke und Regale, die beschriebene Messingwaage, die uralte hölzerne Ladenkasse und sämtliche Glas- und Porzellangefäße hatten ausgedient. Der Drogeriefachmarkt paßte sich dem modernen Zeitgeist an und wurde retrochic. In den Jahren 1953 bis 1960 erzielte die Drogerie Kraemer Erträge zwischen 12.300 und 22.800 Deutsche Mark. Damit gehörte sie zu den Spitzenverdienern unter den Gewerbetreibenden in Bracht.

Im Jahr 1977 starb Gertrud Kraemer, ihr Mann Alfons, Drogist, Pillendreher und Begründer des einzigen Drogeriefachmarkts in Bracht starb zwei Jahre später. Die Tochter Ulla verkaufte das gesamte Anwesen im Jahr 1983 an den Geschäftsmann Richard Schilling, der die Drogerie weiterführte. Doch die wirtschaftliche Blütezeit der inhabergeführten Drogeriefachgeschäfte war vorbei, und die Drogerie wurde geschlossen. Seit den 90er Jahren befand sich am Standort die Versicherungsagentur von Siegfried Naujoks. Nach erneutem Verkauf des Anwesens mit Hof und Scheune im Jahr 2018 an den Bausanierbetrieb Akkaya wurden umfangreiche Arbeiten an der mittlerweile über 250 Jahre alten Bausubstanz durchgeführt. Von der Drogerie Kraemer bleibt diese Erinnerung und die kleineren Exponate aus dem historischen Drogerieladen wie die Ladenkasse, die Messingwaage, die braunen Glasflaschen und Porzellangefäße, die Ulla Borghoff bis zum jetzigen Tag aufwahrt hat.

Bracht November 2019
Anna Freier

Quellennachweis:

Das Interview mit Ulla Borghoff, geb. Kraemer, der Tochter von Alfons und Gertrud Kraemer wurde im Jahr 2019 geführt. Bis auf die Aufnahmen der historischen Ladenkasse, der Messingwaage, der Gefäße und Frau Borghoff stammen alle Aufnahmen aus dem Privatarchiv der Schwestern Ulla und Ruth, beide geborene Kraemer. Zu den Angaben der Erträge der Drogerie Kraemer in den Gewerbesteuerlisten für die Jahre 1953-1960 vgl. KAV, GA Bracht, Nr. 1996.

Bildnachweise und Erläuterungen:

Abbildung 1: Die schwarzweiß Aufnahme aus dem Jahr 1948 zeigt das Gebäude mit dem Ladengeschäft vor der Modernisierung. Die für die damalige Zeit großen Fensterscheiben waren so dünn, dass sie mit Fensterkreuzen stabilisiert werden mußten.

Abbildung 2: Aufnahme um 1970. Die Schaufensterscheiben wurden erneuert. Auch hier sind noch die Maueranker zu sehen, die auf das Baujahr 1756 hinweisen.

Abbildung 3: Alfons Kraemer im weißen Kittel in seinem Drogeriefachgeschäft mit alter Ladeneinrichtung vor 1958.

Abbildung 4: Aus der privaten Exponatensammlung Ulla Borghoff, geb. Kraemer.

Abbildung 5: Das „schnapsdekorierte“ ältere Schaufenster vor 1958.

Abbildung 6: Fotomäppchen von Agfa, in denen die Papierabzüge und Negative nach Entwicklung aufbewahrt und dem Kunden bei Abholung übergeben wurden.

Abbildung 7: Mit den beiden Löffeln wurden die getrockneten Blüten, Blätter und Kräuter auf die Waagschalen gehäuft.

Abbildung 8: Die Tochter Ruth vor der alten Ladeneinrichtung vor 1958. Auf den oberen Regalreihen standen hinter Glas braune Glasgefäße mit Glasstöpseln, die giftige Flüssigkeiten enthielten. In den Reihen darunter wurden Gewürze wie rotes Paprikapulver in weißen Porzellandosen aufbewahrt.

Abbildung 9: Typische Gefäße aus der Drogerie Kraemer teils noch mit den bezeichneten Originalinhalten.

Abbildung 10: Gertrud Kraemer betritt die Drogerie in einem weißen Arbeitskittel.

Abbildung 11: Das neue Drogeriefachgeschäft nach der Modernisierung im Jahr 1958.

Abbildung 12: Die uralte Ladenkasse hatte nach dem Umbau ausgedient.

Abbildung 13: Ulla Borghoff, geb. Kraemer im Interview im Jahr 2019.