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Die Fellischs – Gewerbetreibende 1886 bis 1982

Am 17. März 1886 kaufte der Ackerer und Kleinhändler Leonard Fellisch (1844-1892) das Haus mit Hof und Scheune an diesem Standort. Als Erbe des bis 1814 französisch besetzten Rheinlandes hieß die heutige Marktstraße zum Zeitpunkt der Unterzeichnung der Kaufurkunde vor dem Dülkener Notar Friederich Nellinger auch Jahrzehnte später noch Bürgerstraße. So ist es im Kaufvertrag vermerkt.

Der Kaufpreis betrug 2800 Mark und wurde von Leonard Fellisch in bar gegen Quittung entrichtet. Das Notariat berechnete als Gebühr 29,50 Mark. Hinzu kamen Kosten für die Ausstellung der Urkunde, Abschrift und Zeugen in Höhe von 12 Mark. Die Vorbesitzer, das Brüderpaar Peter Damian Hendricks und Gottfried Hendricks, werden in der Urkunde als Ackerer und Ziegeleibesitzer bezeichnet. Gottfried Hendricks diente zu dem Zeitpunkt beim 5. Rheinischen Infanterie Regiment der Rheinprovinz des Deutschen Reiches zu Cöln. Wann die Brüder das Haus erworben haben ist nicht bekannt. Im Jahr 1823 gehörte es der Familie Moers, die durch ihr männliches Familienoberhaupt im Brachter Gemeinderat vertreten war.

Der Lastenwechsel erfolgte zum 01. April 1886, die Gebäude nebst allem Zubehör wurden erst zum 01. Oktober 1886 zum Nutzenwechsel freigegeben. Danach eröffnete Leonard Fellisch mit seiner Ehefrau Anna, geb. Tüffers (1850-1901) in den Räumlichkeiten ein Kolonialwarengeschäft. Das Ehepaar bekam vier Kinder, Cäcilia, Wilhelm, Hermann und Laurenz. Es mögen schwierige Jahre für die Familie gewesen sein. Wilhelm verstarb mit nur vier Jahren im Jahr 1883, sein Vater Leonard wurde nur 48 Jahre alt. Die Familie erzählt, dass er Wasser aus einer der außerhalb des Ortsgebietes liegenden Flachsgruben im Christenvenn getrunken habe. In seinem Sterbejahr 1892 waren Hermann 11 Jahre und Laurenz 6 Jahre alt. Nur 9 Jahre später verstarb die Mutter Anna mit 51 Jahren im Jahr 1901.

Die Familie hielt zusammen. Ein Schwager von Leonard Fellisch übernahm die Vormundschaft über die beiden minderjährigen Kinder. Hermann wuchs fortan bei seiner älteren Schwester Cäcilia in Brüggen in einem Metzgerhaushalt auf. Auch Laurenz lebte zukünftig bei Verwandten. Ihn verschlug es nach Hinsbeck in einen Schlosserhaushalt, wo er das Handwerk erlernte.

Metzgerei Hermann und Hubertine Fellisch 1918-1946

Hermann Fellisch (1881-1960), der nach dem Tod der Eltern in Brüggen lebte, wäre gerne Bäcker geworden, doch musste er sich im Metzgerhaushalt seiner verheirateten Schwester nützlich machen und wurde Metzgergeselle. In Brüggen lernte Hermann seine Frau Hubertine Strick (1884-1944) kennen. Sie heirateten am 17. Februar 1914. Hermann wurde Soldat im Ersten Weltkrieg. In Colmar im Elsass wurde er als Metzger eingesetzt. Nach Kriegsende legte er die Meisterprüfung im Metzgerhandwerk ab. Zusammen mit seiner Frau eröffnete er am hiesigen Standort, seinem Elternhaus, das zwischenzeitlich verpachtet war, seine eigene Metzgerei. Das Ehepaar bekam zwei Kinder, Maria Anna, geb. 1915 und Elisabeth Cäcilia, geb. 1919. Vor dem Zweiten Weltkrieg verwirklichte Hubertine Fellisch ihren Plan, zusätzlich eine Heißmangel anzuschaffen. Die Räumlichkeiten waren vorhanden, und die Metzgerei wurde weiter von ihrem Mann betrieben. Die folgenden Jahre bescherten der Familie einen gewissen Wohlstand.

Sie schafften sich einen geräumigen Opel P4 an, um damit die Kundschaft des Heißmangelgeschäfts zu beliefern. Die 1915 geborene Tochter Maria erwarb den Führerschein für das Fahrzeug, nicht gerade eine Selbstverständlichkeit für die Frauen der damaligen Zeit.

 

Krieg und andere Wirren

Der Opel P4 wurde im letzten Kriegsjahr 1945 enteignet. Schon vorher waren die Preise für das rationierte Benzin in schwindelerregende Höhe geschossen. Die Familie berichtet, man habe für eine Tankfüllung ein Säckchen Goldmünzen zahlen müssen.

Hermann Fellisch war Mitglied des Kirchenvorstandes. Mit Pfarrer Plum besprach er häufig in der Wohnküche Notsituationen mancher Brachter Familien und schuf Abhilfe. Herman und Hubertine verschenkten Fleischpakete an Bedürftige, auch richteten sie einmal die Kommunionfeier eines Kindes aus ärmlichen Verhältnissen aus und übernahmen auch die Einkleidung.

Während des Krieges war auf dem Hof des Hauses neben der Wurstküche zeitweilig die Feldküche der in Bracht stationierten Soldaten eingerichtet worden. Ein Schicksalsschlag traf die Familie Fellisch, als Hubertine im Jahr 1944 an einem Krebsleiden verstarb. Das hinterließ bei den Angehörigen ein Gefühl der Ohnmacht und Leere. Hinzu kam ein Bombeneinschlag durch Dach und Dachboden. Die derzeitige Besitzerin erinnert aus Erzählungen, dass es sich um eine Stabbrandbombe gehandelt habe. Ein Kleiderschrank sei ausgebrannt, durch die Hitzeentwicklung habe sogar die Wand eine riesige Beule bekommen. Als viele Brachter Familien, darunter die Fellischs, nach Neviges evakuiert wurden, suchten Diebe die Räumlichkeiten an diesem Standort auf und entwendeten Haushaltsgegenstände, die später in der Nachbarschaft auftauchten. Da hatte es wohl Selbstbediener gegeben, berichtet Hildegard Orta.

An eine Fortführung der Metzgerei war nicht mehr zu denken. Hermann Fellisch hatte das 65. Lebensjahr bereits überschritten. Seine Tochter Elisabeth, die die Mutter ersetzen sollte, verfügte über keine fachliche Ausbildung. Das Geschäft wurde noch einige Jahre vermietet, dann aber aufgelöst.

Nach der Schließung der Metzgerei Fellisch 1946 gehörten in Bracht noch acht Metzgereien zur bunten Vielfalt der Geschäfte für den täglichen Bedarf: Es sei an der Stelle erinnert an Dickmanns (von Fellisch gemietet), Halberkamp, Heinen, Hommen, Jakobs, Terporten, Vohwinkel und Winkens. Die Jahrzehnte danach brachten den allgemeinen Strukturwandel mit Aufgabe der spezialisierten Fachgeschäfte mit persönlicher Bedienung in den Ortszentren und einer Hinwendung zu Selbstbedienungsläden und Supermärkten mit erweiterten Sortimenten. Zum jetzigen Zeitpunkt sind alle inhabergeführten Metzgereien in Bracht geschlossen. Die letzten beiden Schließungen erfolgten im Jahr 2015.

Elisabeth heiratete im Jahr 1950 Hans Waters aus Brüggen. Das Paar baute die Räumlichkeiten zu Wohnzwecken um. Hermann Fellisch lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1960 im Haushalt, der inzwischen um zwei Kinder angewachsen war, Hans-Georg Hermann, geb. 1951, der seit 1984 mit seiner Frau in Krefeld lebt, und Hildegard Maria, geb. 1955. Die 1995 verwitwete Elisabeth lebte weiterhin an diesem Standort im Haushalt ihrer Tochter Hildegard, die inzwischen Walter Orta geheiratet hatte. Elisabeth verstarb im Jahr 2010 im Alter von 91 Jahren, umgeben von Tochter, Schwiegersohn und zwei Enkelkindern, Christian und Julia. Während ihres langen Lebens hatte sie erhebliche politische, wirtschaftliche und weltanschauliche Herausforderungen erleben und mitgestalten müssen.

Baugeschichten

An diesem Standort ist bereits um das Jahr 1790 ein Gebäude nachgewiesen. Das Anwesen wurde in der Folgezeit mehrfach umgebaut und dem zeittypischen Geschmack angepasst. In dem Rundgewölberaum des Kellers befanden sich ein Pökelbecken für Fleisch aus der Schlachtung und Regale für Einmachgläser mit Steinobst und Gemüse. Im Gewölbekeller herrschte eine gleichbleibend kühle Temperatur. Die Haustür zur Marktstraße hin wies ebenfalls eine zeittypische Besonderheit auf: Sie war waagerecht geteilt, der obere Teil ließ sich separat öffnen, diese Türen trugen hierzulande die Bezeichnung Paerdsdöör.

Hinter dem Metzgerladen befand sich das Wohnzimmer, die gute Stube, gefolgt von der großen Wohnküche, die auch für geschäftliche Besprechungen genutzt wurde. Ein langer Flur führte schnurstracks von der Haustür bis in den hinteren Bereich des Hauses zur Wurstküche und Waschküche. In der Waschküche befand sich ein Räucherkamin, in den die Schlachtteile zum Räuchern gehängt wurden, um Schinken und Räucherwurst in einem zeitaufwendigen Verfahren herzustellen. Wasser wurde aus einer Pumpe hinter dem Grundstück geholt. Die Pumpe teilten sich die Fellischs mit ihren Nachbarn, den Liesemanns. Den Abschluss zum Hof bildeten zwei Schweinekober. Ein überdachter Hof mit Plumpsklo, wie sie bis weit in die 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in ländlichen Gegenden fort existierten, trennte das Haus von der Scheune. Auch Blut und andere Abfälle aus der Wurstküche wurden in diese Grube im Boden eingeleitet. In der großen Holzscheune mit Tordurchfahrt zur Hellstraße befand sich unter einer Holzklappe der Zugang zum Kartoffelkeller mit Sandfüllung und ein Pferdestall für einen Wiener. So nannte man ein Pferd mit hellbraunem Fell, von mittelgroßer Statur und heller Mähne. Auch ein Pferdewagen stand in der Scheune. Er diente dem Transport von Schlachtteilen und Fellen. Hermann Fellisch lieferte Rinderfelle zur Lederfabrik Hofmann in Breyell-Vorbruch. Der Metzger war über Bracht hinaus bekannt für sauberes Enthäuten ohne Fehlschnitte.

Im Laufe der Jahrzehnte nach Hermann Fellischs Tod im Jahr 1960 folgten einschneidende bauliche Veränderungen des Anwesens, die den strukturellen Wandel im dörflichen Umfeld abbilden.

Da die Deckenhöhe sehr niedrig war, wurde zwischen der ursprünglichen guten Stube und der Wohnküche ein Eichenholzquerträger in Handarbeit ausgeschnitten, um Durchgangshöhe zu gewinnen. Das jahrhundertealte Holz war so hart, dass die Sägen mehrfach nachgeschliffen werden mussten. Reste des Balkens sind zum jetzigen Zeitpunkt verkleidet.

Auch die Außenhülle des Hauses veränderte sich unter den Baumaßnahmen. Die Fensteröffnungen ließ man vergrößern, der Außenputz wurde abgeschlagen und die Frontseite mit bauzeittypischen gelben Halbriemchen verkleidet. Die historische Haustür landete auf dem Müll. Italienische Gastarbeiter, die sich wie überall in der jungen Bundesrepublik auch in Bracht angesiedelt hatten, halfen der Familie beim Abriss der alten Scheune. An der Stelle stehen zum jetzigen Zeitpunkt zwei Garagen. Aus den Gründerjahren des Hauses sind nur noch die tragenden Wände und der holzverzapfte Eichenbalkendachstuhl vorhanden.

Bracht 2015
Hildegard Orta

Anmerkungen

Die Angaben zu den Bewohnern im Jahr 1823 und die Aufzählung der Metzgereien nach der Schließung der Metzgerei Fellisch ergänzte Anna Freier, Bracht.

Bildnachweise und Erläuterungen

Abbildung 1: Kaufurkunde von 1886 Auszug mit Unterschriften. Zur Übersetzung der Urkunde siehe Anmerkungen, Kopie des Originals Privatbesitz: Hildegard Orta.

Abbildung 2: Die Aufnahme der Familie Fellisch entstand vor 1945. Hermann Fellisch mit Hut und Mantel steht als zweiter von rechts neben seinem Chauffeur. Links neben ihm die kleine Elisabeth und Maria. Links im Bild eine Freundin. Privatbesitz: Hildegard Orta

Abbildung 3: Der Opel P4, am Steuer die Tochter Maria Fellisch, im Heck die jüngere Schwester Elisabeth, Aufnahme vor 1945. Privatbesitz: Hildegard Orta.

Abbildung 4: Blick auf die kleinen Schaufenster der ehemaligen Metzgerei Fellisch. Aufnahme vor 1960, Privatbesitz: Hildegard Orta.

Abbildung 5: Blick in die Hellstraße von der Marktstraße aus. Rechts im Bild die ursprüngliche Scheune der Fellischs mit Tordurchfahrt, Aufnahme vor 1945, Privatbesitz: Hildegard Orta.

Abbildung 6: Haus mit heruntergelassenen Rolläden. Nach der Aufgabe der Heißmangel im Jahr 1982 wurde das Haus nur noch zu Wohnzwecken als Zweifamilienhaus genutzt. KAV Bildarchiv, Ortsindex Bracht, Signatur 3648.

Abbildung 7: Der ursprüngliche holzverzapfte Balken im Dachstuhl der Familie Orta (ehemals Fellisch). Foto: Freier